Heimat in einem anderen Land
24.02.2010
Gespräch mit Niki Ezra Petersen

Wie kommt eine dänische Architektin nach Tirol?
Ich bin Dänin mit einer zufällig im Außerfern geborenen Mutter. Aufgewachsen bin ich in Dänemark und habe dort auch mit dem Studium begonnen, allerdings ein ganz anderes Fach. Dann gab es ein paar Zufälle, der Herzinfarkt meines Opas im Außerfern, die Unzufriedenheit mit meinem Studienfach, dazu familiärer Druck, gewisse Zeit im Ausland zu studieren. Mein Ausland war Innsbruck und meine neue Fachrichtung die Architektur.
Wie hast du damals die Architekturfakultät in Innsbruck erlebt?
Es hat mir am Anfang gar nicht gefallen, ich habe überhaupt niemanden gekannt, und der Umgang an der hiesigen Uni war nicht so locker wie in Dänemark. Aber schon am Ende des ersten Studienjahres haben wir uns in einer Gruppe zusammengefunden: Rainer Köberl, Raimund Rainer, Kurt Rumplmayr, Wolfgang Kritzinger und ich. Leopold Gerstl war damals Gastprofessor in Innsbruck, er hat uns begeistert, und wir waren mit beteiligt, dass er sich für die ausgeschriebene Lehrkanzel beworben hat. Seinetwegen sind wir zu dritt für ein Jahr nach Haifa gegangen, wo er damals unterrichtete.
Wie waren eure Erfahrungen an einer israelischen Universität?
Wir haben in Haifa bei Gerstl ein „ Entwerfen“ gemacht, in englischer Sprache und sehr intensiv. Wir hatten ja genug Zeit, weil wir sonst nichts zum Studieren hatten, wir konnten kein Hebräisch. Wir sind sehr viel herumgereist und waren fast überall, vom See Genezareth bis zu den abgelegenen orthodoxen Klöstern in den Wüsten Negev und Sinai. Damals war die Stimmung irgendwie optimistisch, man hat geglaubt, es werde besser, trotz der brisanten politischen Situation. Alle unsere israelischen Kommilitonen hatten Kriegserfahrung. Israel ist ein faszinierendes Land mit einer unglaublichen Dichte an Kultur und Völkern. Ich denke immer wieder daran zurück und habe auch mit Gerstl, der heute in Haifa lebt, Kontakt. Nach seiner Berufung auf den Innsbrucker Lehrstuhl sind wir mit ihm zurückgekehrt, und ich habe später bei ihm meine Diplomarbeit gemacht. Ich wollte danach eigentlich ein Jahr als Architektin in Dänemark arbeiten, bin aber bald zurückgekommen, und dann kam das erste Kind. Ich wollte damals einen Wettbewerb machen, bin aber am Zeitmangel gescheitert, dann war das zweite Kind unterwegs. Dazwischen habe ich immer wieder bei Rainer Köberl – dem Vater meiner Kinder – ausgeholfen, hin und wieder kleine Teile gezeichnet oder eine Baustelle betreut. Vor dem dritten Kind habe ich ein Jahr lang eine alternative Kindergruppe betreut, wo ich mehrere meiner zukünftigen Bauherren kennenlernte. Dabei und später in der Schule habe ich dann so richtig gemerkt, wie rückständig die Pädagogik in Innsbruck war, da waren die Dänen dreißig Jahre früher schon aufgeschlossener.
Wie bist du zu Aufträgen gekommen?
Zum Teil durch Kontakte über die Kinder und zum Teil durch Folgeaufträge. Ich hatte ja kaum Bekannte, die nicht selbst Architekten waren, hatte daher auch keine der üblichen Bauherren aus Familie und Freundskreis, mit denen man als junger Architekt beginnt. Mit den Kindern ist eine neue Welt für mich entstanden, ein anderes soziales Netz. Daraus ergab sich mein erster Auftrag, ein Zu- und Umbau im gotischen Schneeburgschlössl in Hötting und weiter ein Folgeauftrag auf Schloss Wolfsthurn in Südtirol. Ich habe mich viel mit der Geschichte der Häuser und den vorhandenen Dingen beschäftigt. Ich habe das damals schon als harte Aufgaben empfunden, aber auch gemerkt, dass ich gerne auf etwas kräftiges Vorhandenes reagiere, fast lieber als zu agieren. Die Bauherren haben mir Zeit gelassen. Irgendwie haben sie sich die Klinke in die Hand gedrückt, ich selbst habe mich nie um Aufträge kümmern müssen, es hat immer wieder Bauherren und Baufrauen gegeben, die für mich Werbung gemacht haben. Vielleicht passe ich ja auch mein Arbeitstempo den Aufträgen an.
Wie geht es dir mit deinen Auftraggebern?
Ich hatte Glück, wir sind häufig auf der gleichen Wellenlänge, was bei einer langen Zusammenarbeit und den vielen Problemen am Bau von Vorteil ist. Ich habe auch viel Kleinzeug gemacht, ein Haus innen neu organisiert, eine Pension aufgestockt, da einen Zubau, dort einen Anbau, ein Schwimmbad, viele Küchen. Oft ergibt sich eines aus dem anderen. Ich fange irgendwo im Haus an und dann geht’s weiter. Wenn der Bauherr nicht schon alles im Kopf fixiert hat, sondern noch etwas offen bleibt, dann hake ich ein. Die Küche ist dann schon der Teil, der relativ schnell bei mir landet, und es ist nicht immer die Frau im Haus, die über die Küche entscheidet. Bei meinen Bauherren und Baufrauen ist das Feedback meistens positiv, sie können ihre Häuser bewohnen, fangen nicht gleich mit Änderungen an. Ich mache alles in kleinen Schritten, um die Bauherren ihre eigenen Wünsche entdecken zu lassen. Für ein älteres Ehepaar, das ich vorher nicht kannte, habe ich einen Zubau zu einem Altbestand an einem Hang gebaut; dabei habe ich mir schon manchmal Sorgen gemacht, ob ihnen ein so modernes Haus passt, aber das Ehepaar hat für seine alten Möbel den richtigen Platz gefunden und bewohnt das Haus sehr schön.
Welche Erfahrungen hast du beim Umbau in den denkmalgeschützten Schlössern gemacht?
Es hat mich schon während des Studiums interessiert, wie Alt und Neu sich begegnen können, wie man mit Altbestand umgehen kann, aber eigentlich hat mir das angelernte Wissen nicht viel genützt. Da habe ich mich schon sehr hineingekniet, das war noch dazu schwierig, weil die Kinder klein waren. Gleich bei meiner ersten eigenen Arbeit im Schneeburgschlössl wollte der Bauherr etwas anderes, als er dann vom mir gekriegt hat. Er wollte einen Wintergarten, ich habe für ihn eine großzügige Wohnung entwickelt, wo sich Alt und Neu verbinden. Daraus ist eine zwanzigjährige Zusammenarbeit entstanden, ich habe immer wieder im Schloss etwas geändert, einen Dachausbau entworfen, einen Lift gebaut etc. Es ist spannend, das umzusetzen, was man im Kopf hat. Auch der Umbau bei der mittelalterlichen Burg Wolfsthurn in Andrian war abenteuerlich. Der Schlossherr wollte neue Wohnräume, das Südtiroler Denkmalamt wenig Änderungen, wir haben uns aber zusammengerauft. Mir kam zugute, dass viele Bauteile nach einem Brand im 19. Jahrhundert zerstört waren und ich solche Bauteile entfernen durfte. So konnte ich zurückkehren zu einem ursprünglichen Zustand – einer steinernen Ruine – und neu dazubauen; sogar Stahlkonstruktion und Stahlfenster zum Innenhof wurde erlaubt. Das hat in den engen, vertikalen Räumen um den bestehenden Turm viel Luft gebracht und Spannung zwischen den Materialien zugelassen. Weil sich der Bauherr engagierte, das Gesprächsklima stimmte und ein klar durchdachtes, gut argumentierbares Konzept vorlag, gabt es mit dem Denkmalamt eigentlich keine Schwierigkeiten.
Bauen Frauen anders?
Ich habe die Diskussion darüber schon verfolgt, habe auch von anderen gehört, dass ich „männliche“ Architektur mache, aber mich beschäftigt das überhaupt nicht. Ich habe es zwar wahrgenommen, es vielleicht auch manchmal lästig oder lustig gefunden. Eigentlich mag ich die Diskussion nicht, sie irritiert mich, weil ich einfach nur meine Sachen machen möchte ohne Geschlechterdiskussion. Vielleicht habe ich durch meine Kindheit und Schulzeit in Dänemark auch einen anderen Blick auf das Thema, denn dort gibt es gelebte Gleichberechtigung. Als ich in den Siebzigerjahren nach Tirol gekommen bin, steckte die Emanzipation hier noch in den Kinderschuhen. Dinge, die für mich selbstverständlich waren, waren in Innsbruck noch nicht üblich. Aber ich glaube, jetzt gleicht sich das langsam aus.
Hast du etwas in Dänemark gebaut?
Nein. Ich habe für meinen Bruder etwas entworfen, aber es wurde nicht ausgeführt. Ich habe mehrmals überlegt, zurückzugehen, aber es ist immer wieder etwas dazwischen gekommen. Ich und die Kinder sind dänische Staatsbürger. Für mich hat es nie einen Grund gegeben, die Staatsbürgerschaft zu wechseln. Früher gab es mehr Formalitäten, aber jetzt in der EU ist es egal. Die Kinder wollten bisher Dänen bleiben.
Wie ist dein Verhältnis zur nordischen Architektur?
Solange ich in Dänemark war, habe ich mich nicht dafür interessiert, ich wollte ja etwas anderes machen. Erst während des Studiums in Innsbruck habe ich festgestellt, dass mich das Nordische sehr anspricht. Wir haben bei Reisen in den 1980er-Jahren dort viele Schulen und Altersheime angeschaut. Da waren beeindruckende Projekte dabei, sind es auch heute noch. Die Tiroler könnten auf beiden Gebieten noch etwas lernen. Das betrifft nicht in erster Linie die Architekten, sondern die Auftraggeber, jene, die die Vorgaben machen. Da geht es mehr um Inhalte, nicht so sehr um die Form. In den nordischen Ländern hat man mit diesen Themen einen anderen Umgang, es herrscht allgemein mehr Verständnis. Daher ist das Altersheims in Nofels von Rainer Köberl mit seinem nordischen Flair nicht nur wegen seiner Architektur interessant, sondern auch, weil die Bewohner es lieben, es gerne bewohnen.
Wie war das finanzielle Überleben?
Na ja, wir sind über die Runden gekommen, haben uns durchgewurstelt. Zum Glück habe ich eine Wohnung geerbt. Man hat überall gezaubert, ob beim Geld oder bei der Zeit. Jetzt geht’s schon viel leichter, weil die Kinder groß sind.
Gretl Köfler war im Gespräch mit Niki Ezra Petersen




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