StadtGESTALTUNG
25.02.2010
Delirious Perugia

Wolf D. Prix, utopische Seele von Coop HimmelÂb(l)au, hatte wohl in seiner Planerlaufbahn noch nie so viel gewagt. Und tatsächlich hatte ihn bislang noch niemand gebeten, im Herzen einer authentischen historischen Stadt der Künste Hand anzulegen, um den Stadtraum durch deutliche und exemplarische zeitgenössische Zeichen aufzuwerten. Die Gelegenheit bot sich ihm vergangenes Jahr in Perugia, der mittelitalienischen Stadt etruskischen und mittelalterlichen Ursprungs, die heute 160.000 Einwohner zählt. Man hatte Prix eingeladen, seine Lectio Magistralis „Beyond the Blue“ an der Fakultät für Ingenieurwesen der dortigen Universität zu halten. Er betörte die Zuhörer, und das Spiel war gewonnen. Es folgte kurz darauf der Auftrag zur Ausarbeitung eines architektonischen Projekts zur gläsernen Überdachung der Via Mazzini, Âeiner im Zentrum gelegenen Straße mit Fußgängerzone, die sich durch historische Gebäude diverser Epochen auszeichnet. Gefordert wurde vor allem eine Konstruktion mit den künstlerischen Merkmalen einer „Skulptur“. Schlüsselwort: Kreativität. Eine geniale Gelegenheit für den Guru Coop Himmelb(l)aus. Alles in allem wird ihm Energy Roof Perugia aber wohl kaum zum Pritzker-Preis verhelfen, der prestigeträchtigsten Anerkennung für einen Architekten.
Dennoch, der Wiener Architekt geht in diesem Entwurf weit über die Grenzen der ihm übertragenen Aufgabe hinaus. Im Namen der „Nachhaltigkeit“ als Grundlage heutiger und zukünftiger Zeiten bereichert Prix die Idee eines simplen Glasdachs mit technologischen Inhalten und plant dieses als Energiequelle; Ohne jedoch die räumliche Poesie, die er in seiner DNA trägt, aufzugeben.
Das aus der Feder Coop Himmelb(l)aus stammende Glasdach über der Via Mazzini wird somit zu einer verschlungenen und komplexen Tragkonstruktion aus Stahl, in der sich Fotovoltaikpaneele ebenso verstecken wie Windturbinen und eine ganze Reihe formaler Lösungen, die Transparenz und Schutz vor Regen sichern. In Anbetracht der Dimensionen des Straßenzugs ist das Ergebnis eine Struktur in mehr als 30 Metern Höhe mit einer Länge von 84 und einer Breite von 16 Metern, die lediglich über eine dreiteilige Riesenstütze auf dem Boden ruht. Der energetische Nutzen der Anlage beschränkt sich auf eine maximale jährliche Leistung von 100 MWh, eine gerade einmal für 30 Haushalte ausreichende Menge. Angesichts von Realisierungskosten von mehreren Millionen Euro scheint es paradox, in diesem Zusammenhang von Nachhaltigkeit oder Energieautonomie zu sprechen.
Ist Energy Roof mit dem Ort unvereinbar? Überflüssig und megaloman? Nicht für die Auftraggeber, die Coop Himmelb(l)au wählten, um sich eine Avantgardearchitektur zu sichern. Und dies, um einem tiefgreifenden Eingriff in das Stadtgefüge den Sinn des Laufs der Geschichte zu verleihen, in dem sich die Hypermodernität dieser Struktur als lineare und ideale Fortsetzung eines geplanten unterirdischen archäologischen Pfades wiederfände (wo man Funde aus verschiedenen Epochen vermutet). Mit einem schwindelerregenden Branding natürlich: „Die Geschichte durchschreiten. Neue Fußwege für das dritte Jahrtausend“.
Franco Veremondi




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