24.02.2010
Der lange Weg zur guten Bilanz

Bei der letzten Verhandlung im November wurde sie von den Anrainern angefeindet und attackiert. Es war nicht das erste Mal. „Die meisten Menschen bringen den neuen Technologien Angst und Misstrauen entgegen“, sagt Michaela Reitterer, Inhaberin und Betreiberin des Boutiquehotels Stadthalle in Wien. „Ist die Diskussion erst einmal emotionalisiert, kommt man mit sachlichen Argumenten auch nicht mehr weiter. Aus diesem Grund haben wir das Verfahren abgespeckt und haben den Streitpunkt vorerst mal ausgeklammert.“ Gegenstand des Vetos sind drei kleine Windräder auf dem Dach. Während der Rest des Hotels am 27. November 2009 plangemäß fertiggestellt und eröffnet wurde, musste die Windanlage auf dem Flachdach des Hotelzubaus wieder aus den Plänen entfernt werden. „Wir mussten uns entscheiden: Prinzip oder Betriebsanlagengenehmigung? Letzteres war uns in diesem Moment wichtiger.“ Das ist Wien und sein Umgang mit dem Kioto-Ziel.
Doch zurück zum Anfang. Reitterer, Tochter einer österreichischen Hoteliersfamilie, wusste schon im zarten Volksschulalter, dass sie – erst einmal groß und wacker herangewachsen – eines Tages ein eigenes Hotel betreiben würde. 2001 war es dann so weit. Sie kaufte das Hotel Stadthalle in der Hackengasse 20, mitten im Fünfzehnten, nicht weit vom namensgebenden Freizeit- und Veranstaltungskomplex Roland Rainers entfernt. „Was soll ich sagen? Es war ein mittelmäßiges, ziemliches gesichtsloses Dreisternehotel ohne Flair und ohne Alleinstellungsmerkmal“, blickt die 46-Jährige heute zurück, „mir war von Anfang klar, dass ich handeln musste.“
Unternehmerische Ambition und ökologisches Engagement gingen Hand in Hand. Denn Reitterers Boutiquehotel Stadthalle ist nach Fertigstellung des Neubaus offiziell das weltweit erste Stadthotel mit Nullenergiebilanz. Das heißt: Übers Jahr gerechnet, wird das Hotel genügend Energie herstellen, um den eigenen Verbrauch abzudecken. Die Liste der eingesetzten Technologien ist lang: Betonkernaktivierung mit Brunnenwasser, 150 Quadratmeter Sonnenkollektoren an Feuermauer und Dach und nicht zuletzt ein asketisches Zurückspecken der Ausstattung auf Kosten des Komforts. Es gibt weder Spa noch Sauna, weder Klimaanlage, noch Minibar. „Das sind unglaubliche Stromfresser, die uns die gesamte Energiebilanz durcheinanderbringen würden“, sagt Reitterer und beruhigt: „Aber das ist alles halb so schlimm, denn wer saunieren will, der kann in die Stadthalle gehen. Das ist uriger. Und was das Flascherl Orangensaft betrifft, so gibt’s gegenüber einen Billa. Da kosten die Getränke einen Bruchteil von dem, was wir dafür verlangen würden.“
Die meisten ökologischen Bauvorhaben in Mitteleuropa finden mit einer Handvoll unterschiedlicher energiereduzierender Methoden das Auslangen. Michaela Reitterer jedoch, resolute Geschäftsfrau mit klar gesteckten Visionen, will das bauliche Glück bis zum Anschlag strapazieren. „Schauen Sie, ich habe eine klare Vorstellung von diesem Hotel, und ich möchte mich aus tiefster Überzeugung dafür einsetzen, ein zeitgemäßes und ressourcenschonendes Gebäude auf die Beine zu stellen.“
Das ist ihr fast gelungen. Aber eben nur fast. Denn um die gewaltigen Energiebedarfsspitzen in den Morgen- und Abendstunden abzudecken, sollen auf dem Flachdach des Neubaus noch drei Darrieus-Windräder installiert werden. Die aufgestachelten und zum Teil völlig falsch informierten Anrainer steigen auf die Barrikaden. Auch die Baubehörde ziert sich. Da es in Österreich bis dato kein einziges Referenzprojekt gibt, sind die Instanzen völlig überfordert und halten sich mit der Erteilung der gewerblichen Bewilligung für die Windräder zurück. Reitterer: „Die Windräder sind essenziell für das Projekt. Sie drehen sich nämlich auch dann, wenn die Sonnenkollektoren bei Dunkelheit längst nicht mehr funktionsfähig sind. Ich werde daher nicht aufgeben, ehe wir alle von der Wichtigkeit dieser Maßnahme überzeugt haben.“
Der Kampf hat begonnen. Anfang März werde man einen neuerlichen Anlauf unternehmen, sagt Dusan Mihels von der zuständigen WWPM Energy Systems GmbH auf Anfrage des FORUM. „Das Problem ist, dass Kleinwindkraftanlagen in Österreich noch keine ernstzunehmende Marktdurchdringung aufweisen, während das System in Großbritannien beispielsweise längst schon Teil des Alltags ist.“ Die Kollegen auf der Insel wüssten bereits, dass der Lärm, der von den Windrädern ausgeht, niedriger ist als der Wind selbst. „Sie müssen sich vorstellen, dass das verhältnismäßig kleine Windräder mit 3,90 Metern Durchmesser sind. Die letzten Schallemissionsmessungen haben ergeben, dass die Lärmbelastung bei maximal 38 Dezibel liegt. Wer sich mit den akustischen Vorschriften in der Wiener Bauordnung auskennt, der weiß, wie wenig das ist.“ In der Zwischenzeit hat Reitterer sogar schon belegt, dass die Windräder sogar leiser sind als der Straßenlärm in der ohnehin nicht stark befahrenen Hackengasse, ja sogar leiser als die Lüftung vom besagten Supermarkt vis-Ã-vis. Reitterer: „Die Nachtruhe in Wien beträgt offiziell 46 Dezibel. Die Windräder sind leiser als die Nacht. Was soll ich da noch sagen?“ Heinrich Trimmel, Architekt der ungewöhnlichen Herberge, ortet im neuen Nullenergiebilanz-Hotel eine große Chance: „Ein Hotel wie dieses ist ein unglaublich gutes Propagandamittel“, erklärt er, „während energetische Anstrengungen im Einfamilienhaus für die Öffentlichkeit fast immer verborgen und unerkannt bleiben, abgesehen davon, dass sie dort völlig falsch aufgehoben sind, lassen sich die Aspekte des nachhaltigen Bauens hier unmittelbar kommunizieren.“ Die gesunde Energiebilanz schaffe nicht nur Publicity fürs Hotel, sondern letztendlich auf für die Bauweise. „Werbung für sich und für die Natur. Das sind zwei Fliegen auf einen Schlag. Schade, dass die sogenannten Umweltmusterstadt Wien das noch nicht begriffen hat.“
Einzige Anforderung an den Gast: Er muss bereit sein mitzuspielen. „Wenn ich in diesem Hotel einchecke und im tiefsten Winter einen Spaziergang mache, während das Zimmerfenster sperrangelweit offen steht, dann ist das dem ökologischen Betrieb sicher nicht zuträglich“, so Trimmel, „dabei geht wertvolle Energie in Form von Wärme verloren. Außerdem dauert es ziemlich lang, das Zimmer wieder auf eine angenehme Temperatur aufzuheizen.“ Aus diesem Grund, meint der Architekt, sei es wichtig, die Kunden mit den wichtigsten Besonderheiten des Gebäudes vertraut zu machen.
„Kein Problem“, entgegnet Reitterer, „die Gäste werden bereits bei der Buchung die Wahl haben, ob sie ihr Zimmer lieber im Altbau oder im Neubau haben wollen.“ Der Altbau, der bereits vor einem Jahr fertiggestellt wurde, sei zwar thermisch saniert und weise Niedrigenergiestandard auf, verlange seinen Bewohnern aber keinerlei außergewöhnliche Wohnkultur ab. Im Neubauteil hingegen – und darauf wird jeder Einzelne spätestens beim Einchecken aufmerksam gemacht – gelten strengere Sitten. „Es gibt im ganzen Haus kontrollierte Wohnraumbelüftung, die jedes einzelne Zimmer mit temperierter Frischluft anspeist. Stundenlanges Lüften ist daher nicht nötig.“
Das erste Nullenergiebilanz-Hotel der Welt hat jedoch seinen Preis: Baukultur am Puls der Zeit sieht nämlich anders aus. Während sich der Neubau äußerlich in wohnhausähnlicher Manier bescheiden zurücknimmt, dominiert innen die bereits befürchtete, klassische Gediegenheit eines hübschen, aber ein bisserl kitschigen Dreisternehotels. Nicht mehr und nicht weniger. „Es ist utopisch zu glauben, dass ich in so einer engen Baulücke und in so einer dicht verbauten Gasse ein architektonisches Highlight hinstellen könnte“, antwortet Michaela Reitterer darauf, „lieber investiere ich das Geld in eine zukunftsweisende Haustechnik. Da haben alle mehr davon.“
Ob sich die Investition für den Neubau ein Jahr früher oder später amortisiert haben wird, ist der 46-Jährigen ziemlich wurscht.
Es geht ihr keinesfalls nur um den finanziellen Profit, betont sie. Es geht ihr um die Sache an sich. „Ganz ehrlich? Geld verdienen kann man mit diesem Engagement, diesen Behördengängen und diesen Mehrkosten, die ich gegenüber einem stinknormalen 08/15-Hotel investiert habe, nicht wirklich. Schließlich kostet mich ein Zimmer in diesem Hotel 90.000 Euro statt der sonst üblichen 80.000 Euro. Und die Einspeisungstarife sind auch noch nicht da, wo sie sein sollten. Aber irgendwer muss ja damit anfangen, auf die klimatischen Missverhältnisse hinzuweisen und mit gutem Beispiel voranzugehen, und nicht immer nur darüber reden.“
Wojciech Czaja
Webtipps:
www.hotelstadthalle.at .
www.trimmel.co.at .
www.wwpmachine.com .




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