Städtebau
22.03.2010
Öko-Städte als Klimaretter
In der Wüste von Abu Dhabi entsteht derzeit die erste CO2- und abfallfreie Stadt der Welt, Masdar City. Nach einem Masterplan von Norman Foster sollen auf sechs Quadratkilometern in ein paar Jahren 1.500 Firmen Platz finden und 50.000 Menschen leben. Masdar ist als fußgängerfreundliche Stadt angelegt und soll sich mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen komplett selbst versorgen können. Die Stadtstruktur ist mit engen Gassen und einer kompakten Bauweise an lokale Traditionen angelehnt. Andererseits haben die Planer jede Menge innovative Technik ins Konzept gepackt – vom Mobilitätskonzept mit Elektroautos bis zu Hightech-Blütenblättern mit Fotovoltaikfunktion, die wie riesenhafte Blumen tagsüber die zentrale Plaza beschatten.
Die Bauarbeiten sind zwar längst in vollem Gange, aber wann Masdar tatsächlich fertig wird, steht derzeit noch nicht fest. Für das Stadtzentrum etwa, das vom deutschen Architekturbüro Lava geplant wurde, wird gerade ein neuer Implementierungsplan angepasst. Dabei ist es den beteiligten Architekten durchaus recht, dass die Umsetzung derzeit etwas weniger hektisch abläuft, als vor Ausbruch der Wirtschaftskrise geplant war. „Auch wenn es medial oft anders transportiert wird, ist Masdar ja keine fertige Stadt“, meint Alexander Rieck von Lava. „Und so kann man im laufenden Prozess noch Anpassungen vornehmen und gesammelte Erfahrungen einfließen lassen.“
Als zukünftiges Vorbild für eine ökologische Stadtentwicklung ist Masdar allerdings allein aufgrund seiner Konzeption als städtebaulich und energetisch autarke Wissenschaftsstadt kaum geeignet. Auf seine Art ist es deshalb aber auch das derzeit wohl radikalste Ökocity-Projekt.
HOCHTECHNOLOGIE UND NACHHALTIGKEIT
In Südkorea realisiert man derzeit eine andere Ökostadt-Vision. Songdo, nahe der Stadt Incheon am gelben Meer gelegen, soll zwar nicht komplett CO2-frei, aber dafür trotzdem die grünste und nachhaltigste Stadt weltweit werden. Das Öko-Konzept funktioniert auch hier über einen starken Hochtechnologie-Ansatz: Mit einem pneumatischen Abfallsammelsystem, Meereskanälen mit Windturbinen oder der Verwendung von wiederverwertetem Regen- und Meerwasser für das Trinkwasser und Bewässerungsanlagen. Nach einem Masterplan von Kohn Pedersen Fox Associates aus New York soll der Songdo International Business District (IBD) nach seiner Fertigstellung Wohnraum für 60.000 und Arbeitsplätze für 300.000 Menschen bieten. Neben einem 40 Hektar großen „Central Park“ gehören ein Krankenhaus, eine Shoppingmall, ein Konferenzzentrum und sogar ein Golfplatz zum Konzept. Allerdings soll Songdo zum Teil mittels Erdgas mit Energie und Heizwärme versorgt werden. Das ist zwar immer noch besser als Erdöl, aber wohl trotzdem nur bedingt nachhaltig.
Dafür können die Songdo-Macher mit jeder Menge Öko-Zertifikaten aufwarten: Das Landmark des Projekts, der 65-geschoßige Northeast Asia Trade Tower, wird ebenso wie alle anderen 120 Gebäude im Songdo IBD dem amerikanischen LEED-System (Leadership in Energy and Environmental Design) entsprechen. Die gesamte Stadt ist das erste vom U.S. Green Building Council auserkorene LEED-Neighbourhood-Developement-Pilotprojekt. Dieses neue Label legt Standards für Bauvorhaben fest, die eine generelle Verbesserung der Gesundheit, den Schutz der natürlichen Umgebung und der gesamten Lebensqualität einer Community als Ziel haben.
BESSERE PLANBARKEIT DANK INDEX
Freilich ist die ökologische Qualität des LEED-Standards unter Fachleuten nicht unumstritten. Doch wie nachhaltig oder energieeffizient ein komplexes System wie eine Stadt tatsächlich ist, ist sowieso nur schwer zu beurteilen. Um solche hochkomplizierten Planungsansätze besser greifbar zu machen, haben deutsche Stadtplaner von der Universität Duisburg-Essen den sogenannten „Low Carbon Index“ (LCI) entwickelt. Dieser Index wird aus verschiedenen qualitativen und quantitativen Werten berechnet (eingeteilt in Noten von minus zwei bis plus zwei), die den Energieverbrauch und die CO2-Emissionen einer Stadt beeinflussen. „Dadurch kann man die Planung sehr früh im Hinblick auf die Energieeffizienz und Kohlendioxid-Reduktion bewerten und daraus Strategien entwickeln“, erklärt Hannah Baltes vom Institut für Stadtplanung und Städtebau an der Uni Duisburg. Der Index funktioniert in den verschiedensten Maßstäben und Planungsstadien und ermöglicht so auch eine Anpassung der Planungsstrategien im Laufe des Projektfortschritts.
Die Idee für den Index entstand bei den Wissenschaftlern durch ihre Arbeit an einem Projekt in der rasant wachsenden chinesischen Metropole Schanghai. Baltes und ihre Kollegen entwickeln dort gemeinsam mit lokalen Behörden und Planern Strategien zur Planung energieeffizienter Strukturen für derartige Megacitys. Ihre Arbeit dort verstehen die Stadtplaner als bewusste Alternative zu den in China gängigen Versuchen, das rasante Bevölkerungswachstum mit Satellitenstädten auf der grünen Wiese aufzufangen. „Asien ist für uns deshalb als Ort der Forschung interessant, weil man hier in kurzer Zeit so viel bewegen kann, während man in Europa oft erst 20 oder 30 Jahre warten muss, bis man Ergebnisse sieht“, sagt Baltes.
Wie sich neue, energieeffiziente Stadtteile in die gewachsenen Strukturen einer Metropole einbinden lassen, dafür finden sich aber auch in Europa Beispiele. In Helsinki etwa soll im Rahmen der Planungen für den Bezirk Jätkäsaari ein kleiner, CO2-freier Stadtteil entstehen. Low2No nennt sich das Projekt, das zwar nur einige Häuserblocks umfasst, aber genau deshalb interessant ist: Eingebettet in einen etwas früher entstandenen, Masterplan mit architektonisch eher konventionellen Bauprojekten, soll der Low2No-Baublock eine Entwicklung von einem anfänglichen Niedrigemissions-Stadtteil hin zu einem Nullemissionsstadtteil aufzeigen. Gerade wegen seiner Übersichtlichkeit sollen die Erkenntnisse aus dem Projekt später auch anderswo anwendbar sein.
VON NIEDRIG- AUF NULLEMISSION
Den Wettbewerb dazu konnte ein prominentes Architekten- und Investorenkonsortium (Arup & Partners, Sauerbruch/Hutton, Experiantia und Galley Eco Capital) gewinnen. Zu ihrem Konzept gehören für die Planer nicht nur intelligentes Gebäudedesign, nachhaltige Technologien wie Windenergie und ein Nutzungsmix, der junge Familien ebenso einbezieht wie innovative Kleinunternehmer, sondern zum Beispiel auch eine Änderung des Mobilitätsverhaltens. Nicht von heute auf morgen, aber eben kontinuierlich. Bei ihren Überlegungen beschränken sich die Architekten freilich nicht auf die engen Grenzen des Projektgebiets. Bemerkenswert ist, dass das Konzept auch direkt auf das Alltagsverhalten der Bewohner abzielt. Bis zum Jahr 2021 soll der persönliche CO2-Fußabdruck eines jeden Bewohners negativ sein. Die Architekten haben sich deshalb 50 zum Teil ausgefallene Vorschläge ausgedacht: Von der Gebäudesimulation, die den persönlichen Energieverbrauch veranschaulicht, bis zum Low2No-Urlaubsplaner – einem Fachmann, der Bewohnern wie Besuchern bei der Reiseplanung zur Verfügung stehen soll. Bleibt abzuwarten, wie viel davon letztendlich wirklich umgesetzt wird.
MEHR ALS NUR RECYCLING
Die Leute mit erhobenem Zeigefinger zu einem anderen Verhalten zu erziehen, das ist für den deutschen Verfahrenstechniker Michael Braungart aber ohnehin der falsche Weg. Für Braungart muss die Voraussetzung für ein umweltfreundliches Verhalten aus den Alltagsprodukten und deren Design selbst kommen. Braungart hat gemeinsam mit dem US-amerikanischen Architekten William McDonough das Prinzip „Cradle to Cradle“ (C2C) erfunden, das Umweltverträglichkeit keineswegs nur über die Reduktion von CO2-Abgasen definiert und besonders in den Niederlanden auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Öffentliche Beschaffungen dürfen dort nur noch nach C2C-Kriterien erfolgen, die Region Limburg hat sich zur C2C-Modellregion erklärt, und in der Nähe von Amsterdam entsteht nach Plänen von McDonough unter dem Namen Park 20/20 ein erster, C2C-kompatibler Businesspark. Cradle to Cradle (zu Deutsch: von der Wiege zur Wiege) bedeutet dabei die Entwicklung von öko-effektiven Materialien und Baustoffen und Produkten, die innerhalb geschlossener Kreisläufe und Lebenszyklen quasi beliebig oft wiederverwertbar sind. Damit ist nicht nur Abfallvermeidung oder simples Recycling gemeint.
Stattdessen geht es für Braungart darum, die Entwicklung und die Verwendung von Materialien ganz neu zu überdenken und Systeme zu entwickeln, die eine „umfassende Qualität“ haben, wie es der Universitätsprofessor ausdrückt. So bietet etwa eine deutsche Firma Teppichböden an, die aktiv Feinstaub bindet, ein österreichischer Textilhersteller hat seine Produktion komplett auf C2C umgestellt, und Braungart selbst ist an der Entwicklung eines luftreinigenden Betons beteiligt.
Auch beim Park 20/20 ist schadstofffreie Raumluft ein Schwerpunkt, ebenso wie Wasserrecycling, Außenverglasungen, die auch zur Energieerzeugung genützt werden, sowie jede Menge Grünflächen. „Wir versuchen, in jedes Projekt fünf bis zehn starke Botschaften zu packen“, sagt Braungart. Nicht jedes C2C-Gebäude muss dabei ausschließlich aus C2C-kompatiblen Stoffen hergestellt werden. Die Praxisumsetzung funktioniert also doch nicht ganz so streng, wie die ehrgeizigen C2C-Prinzipien erwarten lassen.
Aber vielleicht ist das ohnehin der wichtigste Aspekt der verschiedenen aktuellen Ökostadt-Projekte: eine starke Botschaft dahinterstehen zu haben. Selbst wenn sich die Welt damit nicht sofort retten lässt.
Thomas Prlic
Veranstaltungshinweis
15. Internationale Konferenz zu Stadtplanung, Regionalentwicklung und Informationsgesellschaft
Thema: Cities for Everyone: Liveable, Healthy, Prosperous – Promising Vision or Unrealistic Fantasy?





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