Architekturvermittlung
15.06.2010
Ein Elch kam in die Küche
Zu einem nicht unbeträchtlichen Teil lebt Ikea vom guten Image, das Schweden im Ausland hat: das Land der liebenswert anarchischen Pippi Langstrumpf, der märchenhaften Wälder und Seen, bevölkert von hübschen blonden Wikinger/-innen, die in einer toleranten Gesellschaft leben und leben lassen. Unkompliziert und unaufdringlich sozial steht das Land für ein Demokratieverständnis, das sich mit der Paradoxie, ein Königreich zu sein, gut verträgt. Aus den Reformbewegungen der letzten Jahrhundertwende präsentiert sich das „Schwedische Modell“ offen und zeitlos modern. Da scheint die Idee vom ästhetisch geprägten Ambiente, „Schönheit für alle“, wie Ellen Key sie 1899 verlangte, auf der Hand zu liegen. Gutes Design sollte nicht mehr allein begüterten Menschen zur Verfügung stehen. Eine schöne Umgebung trage schließlich zu einer guten Gesinnung und einer gesamten Verbesserung der Gesellschaft bei, davon war sie überzeugt. In dieser Forderung wird dem gesamten Bereich Design und Architektur in Schweden ein maßgeblicher Ansatz zugrunde gelegt.
Eine speziell schwedische Lust am Kombinieren von Materialien und Stilen dokumentieren die Aquarelle Carl Larssons, in denen er die eigenen Lebenswelten dargestellt hat. Er kann als Vorbild für nonkonformes, lebensnahes Design gelten, das sich Ikea seit seiner Gründung 1943 auf die Fahnen geschrieben hat.
Wobei das Konzept von praktischen, formschönen Möbeln sich schon früher findet, etwa bei Thonet, dessen klassischer Sessel leicht erkennbares Modell für Ikea wurde, und der heute für Ikea sogar in einem ehemaligen Thonet-Werk produziert wird. Anleihen bei berühmten Designern hat es immer wieder gegeben. Bei Ikea kommt zu den Ansprüchen an die optische Gestaltung die Forderung der Zerlegbarkeit der Möbel und die Möglichkeit, diese flach zu verpacken. Der oft erhobene Vorwurf kurzer Lebensdauer wird von Ikea umgedeutet: Langlebigkeit der Produkte steht allein schon deswegen nicht im Mittelpunkt, weil das moderne Individuum sich selbst ständig verändert und deswegen auch seine Umgebung umdekorieren will. Praktisch, dass dann immer wieder etwas Neues gekauft wird.
Das Aushalten der Spannung zwischen Massenproduktion und Individualität ist ein markantes Erfolgselement von Ikea. Mit diesem Widerspruch arbeitet das Designteam Walking Chair, das die Ausstellung nicht nur kuratiert und gestaltet hat, sondern mit eigenen Statements im Bereich Lampendesign ergänzt. Ikea-Produkte werden hier als Basiselemente verwendet und weiterentwickelt. So gewinnt die Massenware Individualität.
Susanne Karr




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