Bogdan Bogdanovic: Baukünstler, Autor und Dissident | Doris Lippitsch
28.06.2010
Gegen die Logik
Sie haben Ihre Memorialstätten mit zahlreichen Zeichnungen illustriert, aber immer wieder auch Träume und Visionen projektiert.
Bogdan Bogdanovic: Ja, anfangs wird eine Idee, eine Vision projektiert und anschließend dokumentiert, die immer in Phasen abläuft. Einerseits ist da eine Vorstellung, die auf das Papier gebracht werden soll, und dann wiederum stelle ich fest, dass die Hand etwas anderes macht. Dabei lerne ich immer wieder aufs Neue, auf meine Hand zu hören.
Es fließt hinauf, bergauf, jede Nacht. Nicht eine einzige Zeichnung war ursprünglich so geplant. Zeichnungen sind immer auch ein Zufallsspiel. Formen beginnen dann zu leben, wenn sie nicht nur abbilden, was es in der Natur gibt, sondern wenn das Imaginierte auf meine Hand trifft, die es abbildet.
Schon in meinen frühen Träumen sah die Straßenbahn, unser Haus, wie ein Käfer aus. Technik interessiert mich immer nur in statu nascendi, wenn eine Form dabei ist, zu werden. Ich radiere, verwerfe und fange immer wieder von vorn an – mit Grafitstiften. Ich brauche diesen Stift in meiner Hand, und auch diese harten Konturen.
Die größte Sammlung meiner Zeichnungen befindet sich auf diesen Steinen. Steine haben ein Gefühl, in der Natur ist der Stein vollkommen, in sich geschlossen. Jahrelang habe ich Gedanken, Träume notiert und in „Die grüne Schachtel“ gesammelt, um jede Selbstzensur zu vermeiden. Ich habe mir selbst undatierte Botschaften geschickt, die Écriture automatique mit der Aufzeichnung meiner Träume verbinden. Diese Notizen konnte ich in einem Waschmittelkarton in die Emigration retten.
Sie haben wichtige Beiträge zur Erinnerungskultur, wie den Partisanenfriedhof in Mostar, geleistet.
Ich habe nicht gewusst, dass ich wichtige Beiträge zur Erinnerungskultur geleistet habe. Ich war in meiner Zeit. Man hat keine Distanz zu der Zeit, in der man lebt.
Vielleicht über das Schreiben und Festhalten von Gedanken?
In zahlreichen Manuskripten und Büchern haben Sie Ihre Gedanken und Träume veröffentlicht.
Ich als Schriftsteller? Ich habe nicht gewusst, dass ich Schriftsteller bin. Es war mir von Anfang an klar, dass ich kein Schriftsteller
werden wollte. Mein Vater war Literaturkritiker. Ich wusste um die Lebensbedingungen von Schriftstellern allzu gut Bescheid. Meine Eltern haben auch alles unternommen, um mich davon abzuhalten. Ich habe aber geschrieben, ohne es für „richtige“ Literatur zu halten. Schwierig ist, wenn man für einen Text gelobt wird, wie von Ivo Andric, als eines meiner unglückseligen Manuskripte erschienen ist und ich davon ausgehen musste, dass ich also nur ein schlechter Architekt sein kann! Zu meinen ersten Texten zählt ein Essay über die Farben der Akropolis, den mein Vater für gut befand. Ich habe den Text geschrieben, noch bevor ich in Athen war.
Nach der Reise habe ich nur die Beschreibung der Farben geändert. Als ich ihm erzählte, wie der Text zustande kam, hat ihn beinahe der Schlag getroffen! Damals war ich Anfang 20, Student, und ich habe viel Zeit verloren.
Zeit verloren, inwiefern?
Ja, vier Jahre, der Kriegsausbruch fällt in diese Zeit. Ich bewegte mich als Student im Kreis der Surrealisten, im Belgrader Kreis der Surrealisten. Die Zeit für das Studium war knapp bemessen, das ich damals gerade mal begonnen hatte.
Wie hieß der Kreis der Surrealisten?
Er hatte keinen Namen. Es gab den Surrealismus auch außerhalb von Frankreich, das ist wichtig. Wir waren eine Gruppe sehr engagierter Sozialisten und politisch aktiv. Das prorussische Regime herrschte vier Jahre lang, wir haben ständig mit dem Einmarsch russischer Truppen gerechnet. Diese Zeit deckt sich mit unserem Kampf für den Sozialismus. Wir waren gefährdet, jeden Tag gingen wir mit großer Angst zu Bett.
Und Ihr Zugang zur Architektur in diesem Belgrader Kreis?
Ich war im surrealistischen Fieber und wollte als Student eine surrealistische Architektur definieren. Sicher war, dass ich keine großen Siedlungen bauen wollte, sondern eher kleine Projekte. In Jugoslawien gab es zu dieser Zeit nur zwei zugelassene Fensternormen und so viele hässliche Bauten! Damit wollte ich nichts zu tun haben. Meine Architektur hatte da keinen Platz. Alles änderte sich mit dem Krieg. Ich war engagiert im Surrealismus und habe zahlreiche Stellungnahmen verfasst – und war demnach eine verdächtige Person. Dann erfolgte der historische Brief Titos an Stalin, in dem er die Gefolgschaft Jugoslawiens an Russland
verweigerte. Moskau tobte über die Verräter am Sozialismus.
Sie wurden als Verräter am Sozialismus bezeichnet?
Ja, Radio Moskau hat mich in den Sendungen als Verräter zitiert, was von den russischen Zeitungen übernommen wurde. Beschattung und Spitzelwesen waren das kleinere Übel, weil so verbreitet, dass man das nicht als große Gefahr empfand. Natürlich wurden wir überwacht, ich habe mich aber nicht versteckt. Nach meinem Architekturdiplom sah ich im Städtebau die Möglichkeit, Architektur neu zu entdecken. Urbanistik ist eine exakte Wissenschaft. In dieser Phase begann ich, mich mit Memorialkultur und Denkmalarchitektur zu beschäftigen und habe die griechischen Opfer- wie Zeugungsrituale und deren Symbolik neu entdeckt. Memorial-Architektur unterlag nicht den strengen vorherrschenden Bauvorschriften, wodurch ich große Freiheit hatte.
Sie haben mehr als 20 Memorialstätten im sozialistischen Jugoslawien ausgeführt. Inwiefern waren diese anders?
Alle Gedenkstätten wurden aus Stein gemeißelt, ausgenommen die „Steinerne Blume“ in Jasenovac, eine Betonskulptur. Eine ältere Frau hat mich vor Jahren in Wien angesprochen und mir anvertraut, dass sie auf dem Partisanenfriedhof in Mostar gezeugt wurde. Das war die größte Anerkennung, die ich jemals erhalten habe!
Wir haben die Vorlagen gezeichnet und die Stätten ausgeführt. Ich habe den Handwerkern zugeschaut und nach einem Meißel gefragt. Nach mittelalterlicher Tradition, die Steinmetzerei ist eine alte Zunft, wollten die Steinmetze aber nicht, dass ich selbst tätig werde. Der Baumeister arbeitet ja mit dem Kopf und nicht mit seinen Händen. Dieses archaische Handwerk, genau das wollte ich erlernen. Zu dieser Zeit hatte ich meine Dorfschule in Mali Popovic bei Belgrad, wo ich Philosophie der Architektur lehrte: eine fiktive Anthropologie auf der Suche nach surrealen Städten und Zivilisationen. Im Spiel sollte die Logik der Fantasie ergründet werden. Ich wusste immer, dass alles, was ich tue, auch vergänglich ist. Vielleicht fehlt die Fähigkeit am Balkan, eine bleibende Gesellschaft auszuformen. Die Panik vor dem ewigen Provisorium treibt die Menschen an. Was habe ich gemacht? Materie und Fantasie in Beziehung, in praktische Esoterik, zueinandergebracht.
Zu dieser Zeit sind Sie aus der Serbischen Akademie der Wissenschaften ausgetreten und waren von 1982 bis 1986 Bürgermeister von Belgrad?
Ich habe mich nie als Politiker gesehen! Mitten in mein Idyll meiner alternativen Dorfschule erhalte ich ein Telegramm, in dem mir Ivan Stambolic, später Präsident der serbischen Landesregierung und Parteivorsitzender der KP, dazu gratulierte, dass ich aus der Akademie der Wissenschaften ausgetreten bin. Das serbische Präsidium unter Dusan Ckrebic hat mir vorgeworfen, das System anzugreifen, die Akademie sei ein Teil des Systems. Ich habe ihre Vertreter mit allen denkbaren Schimpfwörtern aus dem reichhaltigen Repertoire der serbischen Schimpfwörter verunglimpft. Es war eine Protestaktion, ich wollte mit der Akademie absolut nichts mehr zu tun haben! Mein Ziel, Architektur an der Belgrader Universität zu reformieren, war gescheitert.
Die Partei hat Sie zum Rücktritt gezwungen. Warum hat Stambolic Ihnen gratuliert?
Ich kannte das Leben in der Partei. Stambolic siezte mich im Schreiben und schrieb von irgendwelchen „wir“. Kommunisten duzten üblicherweise ihre Genossen. „Wir haben für Sie die Stelle des Belgrader Bürgermeisters vorgesehen. Wissen Sie, Sie müssen uns nicht sofort antworten!“, hieß es in der Einladung zu einem Treffen, dem ich nicht nachging. Wer stand dahinter? Die Partei? Ich hatte da so meine Idee und einen Lachanfall bekommen: Ich als Bürgermeister! Zwei Monate lang habe ich nicht geantwortet und den Brief beiseitegelegt. Ich hatte meine Dorfschule, meine Zeichnungen, habe geplant und hatte viel zu tun.
Wie haben Sie sich in das politische Leben als Bürgermeister eingefügt?
Das Parteiestablishment wurde mir aufgezwungen, worauf ich sie gerne verwirrt habe. Ganz zu Beginn hat Stambolic ein improvisiertes Straßenkonzert mit jungen Straßenmusikern, feinen jungen Leuten, in Belgrad initiiert und mich gebeten, zu kommen. Das Konzert war behördlich verboten. Er meinte nur: Bitte bleib da und geh nicht weg, sonst werden sie verhaftet! Die Polizisten kreisten um uns, das Konzert hat nicht eine, sondern letztlich sechs Stunden lang gedauert.
Ich habe das sehr genossen und Reden gehalten, die sie sehr merkwürdig fanden und nicht verstanden, den Arbeitsalltag verändert und neuen Wind in das Rathaus, ein Bollwerk der Bürokratie, gebracht. Ich wollte die erstarrten politischen Kulissen aufbrechen, meine Arbeit als Professor in meiner Dorfschule aber keineswegs beenden und habe Studenten ins Rathaus eingeladen, die ja ihre Zeugnisse brauchten. Eines Tages kam eine Gruppe von Bohemiens, die den rumänischen Dichter und Dissidenten Nichita Stanescu mitbringen sollten.
Ich habe dem gesamten Parteiapparatschik gesagt: Morgen kommt der große rumänische Dichter! Die Protokollführung hatte natürlich ihre entsprechenden Codes zu befolgen, wo und wie jemand, der Hierarchie entsprechend, zu empfangen war. Stanescu aber wurde buchstäblich ins festliche Rathaus getragen, so betrunken war er! Ich zu ihm: Du Dichterkaiser! Er daraufhin: Du Baufürst! Er kniete vor mir, ich kniete vor ihm, wir haben einander die Hände geküsst – und das vor allen Bürokraten, allesamt erstarrt! Der Schock im Rathaus war gewaltig und meine Feinde waren sich sicher, dass irgend etwas nicht stimmen konnte! Stanescu war eine edle Gestalt. Sein Zustand konnte dem keinen Abbruch tun.
Waren Sie und Stambolic damals schon in Gefahr?
Ja, Stambolic und Milosevic waren Studienfreunde, später unerbittliche Feinde. Auch Stambolic war Dissident. Als mein Mandat abgelaufen war, wurde eine Hetzkampagne gegen mich gestartet. Fotos von mir wurden überall veröffentlicht. Jeder kannte den Staatsfeind Bodganovic.
Ich habe meinen vielzitierten Brief an den „Präsidenten des Präsidiums des Zentralkomitees des Bundes der Kommunisten Serbiens“, so der volle Titel Milosevics, geschrieben und mich darin klar gegen den Krieg ausgesprochen und ihn vor einer drohenden Tragödie gewarnt. Dieser offene Brief, 60 volle Schreibmaschinenseiten lang, war der Ausgangspunkt dieser Hetzkampagne. Ich habe mich bis zu meiner Emigration als Dissident zurückgezogen. Es war teilweise so schlimm, dass sich Menschen auf der Straße bekreuzigten, wenn sie mich sahen. Ich war der leibhaftige Teufel und in Gefahr! In „Der verdammte Baumeister“ sind diese Erfahrungen aufgezeichnet.
Ihr Leben als Dissident in Belgrad?
Wir waren in Panik, hatten Angst und kein Geld, Lebensmittel waren knapp. Wir wurden beschattet, gegenüber unserer Wohnung befand sich ein Café, ein Aussichtspunkt, von dem aus wir ständig beobachtet wurden. Meine Frau Ksenija und ich mussten schon Geld für zwei Flaschen Bier sammeln. Der Kassier zählte die Münzen dann nochmals ab. So war das, ähnlich wie 1923 in Deutschland. Im Laden gab es sechs Flaschen Bier in verschiedenen Farben: Was suchen Sie sich da aus? Ich will eine braune und keine grüne Flasche, war meine Antwort. Oh Gott, Herr Bogdanovic, Sie sind unverbesserlich!
Wurden Sie bedroht?
Ja, man versuchte mehrmals, in unsere Wohnung einzudringen. Wir sollten eingeschüchtert werden.
Sieben Jahre lang haben Sie mit Ihrer Frau Ksenija als Dissident im Rückzug gelebt, bevor Sie Belgrad Richtung Paris verlassen haben.
Ich gehörte zum Belgrader Kreis, einer pazifistischen Gruppe. Das waren Intellektuelle, die sich für den Frieden engagierten. Im Frühling 1993 hat der Kreis unsere Reise nach Paris geplant.
Serben hat es immer nach Paris gezogen. Ich konnte Französisch und dachte, dass wir dort landen werden. Ksenija ging voraus. Ich kam nach, um Alarm schlagen zu können, falls notwendig. In Paris aber war bereits eine schreckliche Tschetnik-Clique. Leute, die zuerst Kommunisten waren und dann in den Geheimdienst übergetreten sind. Unsere Reisepässe wurden bei der Ankunft in Le Bourget gestohlen. Wir konnten also nicht bleiben und mussten zurück nach Belgrad. Über Milo Dor, zu dem ich immer Kontakt hatte, sind wir schließlich nach nur wenigen Wochen nach Wien gekommen. Das war der 7. Dezember 1993.
Bogdan Bogdanovic





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