Wojciech Czaja im Gespräch mit Markus Pernthaler
28.06.2010
Ein Mann mit expressiver Begeisterung fürs Detail

Für einen Architekten tragen Sie ein auffälliges Hemd heute!
Markus Pernthaler: Das hat sich so entwickelt. Meine Frau ist Finnin und vertritt die finnische Marke Marimekko in Österreich. Mir gefallen die Stoffe ungemein. Hinzu kommt, dass ich mich durch meine Frau dem skandinavischen und insbesondere natürlich dem finnischen Kulturraum sehr verbunden fühle. Finnland wurde als Land erst 1917 gegründet.
Die Kultur des Landes basiert also nicht auf Traditionen, sondern auf dem Gedankengut der Moderne. Und das merkt man auch – nicht nur in der Schönheit der Stoffe, sondern natürlich auch in der Architektur, in der Alltagskultur, in der Bildungspolitik, vor allem in der gesellschaftlichen Gleichstellung der Frau. Ganz zu schweigen von Alvar Aalto und Eero Saarinen! Na wie auch immer, mittlerweile habe ich im Kasten sicher schon ein Dutzend maßgeschneiderte Hemden aus Marimekko-Stoffen hängen. Ich fühle mich wohl darin und kann nicht leugnen, dass die Stoffe wahrscheinlich schon zu einer Art Markenzeichen von mir geworden sind.Im Vergleich zu Ihrer meist zurückhaltenden Architektur wirken Ihre Hemden geradewegs expressiv.
Schlagen da zwei Herzen in Ihrer Brust?
Ich würde mich jetzt nicht unbedingt als expressiven Menschen bezeichnen – weder in der Architektur noch im Kleidertragen. Ganz im Gegenteil, ich glaube, ich bin durch und durch eine eher zurückhaltende Natur. In der Architektur ist mir diese Haltung besonders wichtig. Man sieht bei Ihnen im Büro und in der Wohnung nicht nur Architekturzeitschriften herumliegen. Sie sind beispielsweise Abonnent der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“.
Spiegelt das Ihre Herangehensweise an die Architektur wider?
Als Architekt hat man es im Alltag mit zahlreichen, zum Teil sehr kompliziert aufgebauten Strukturen und Produkten zu tun, doch nur im seltensten Falle wissen wir auch, womit wir es genau zu tun haben. Ich interessiere mich für das Dahinter und lese gerne Bücher und Publikationen zu naturwissenschaftlichen Themen, vor allem zu den Themen Physik und Biologie. Letztendlich sind Forschung und Naturwissenschaft eine herrliche Inspirationsquelle. Künstlerinnen und Künstler nutzen dieses Potenzial schon seit langem.
In einem Vortrag vor einiger Zeit haben Sie einmal gesagt, dass die neuen Technologien, die heute bereits in Entwicklung sind, den Markt und in der Folge auch die Architektur, wie wir sie heute
kennen, völlig umkrempeln werden.
Was genau erwartet uns denn?
Was mich weniger interessiert, sind die oberflächlichen Diskussion rund um die sogenannte Nachhaltigkeit, rund um Niedrigenergie- und Passivhaus. Da wissen wir bereits, was zu tun ist, und kennen den „state of the art“. Das sollte schon längst selbstverständlich sein. Aber ich denke, dass uns einige interessante Neuerungen im Bauwesen erwarten. Zwei wichtige Entwicklungen betreffen die Glastechnologie und die Beleuchtung. Mit der LED-Lichttechnologie können wir signifikante Energieeinsparungen vornehmen – und ich spreche hier von Faktor eins zu vier! Man darf ja nicht vergessen, dass LED nicht nur die Lichtleistung effizienter macht, sondern auch die Wärmeemissionen drastisch verringert. In komplexen Gebäudestrukturen wie etwa Büros oder Krankenhäusern können dadurch Kühllasten verringert werden. Da gibt es viel Potenzial und Synergieeffekte, die es zu nutzen gilt. Auf diesem Gebiet wird sich Gewaltiges ändern!
Die Neuerungen betreffen aber nicht nur die Energieeinsparung, sondern vor allem auch die Energiegewinnung!
Eines kann man jetzt schon mit Sicherheit sagen: Der Zug geht eindeutig in Richtung dezentraler Versorgungssysteme. Die Bedeutung von großen solitären Kraftwerken wird abnehmen, sie werden eher nur noch als Ergänzung zu den vielen hunderttausenden Kleinkraftwerken dienen, die in Zukunft in jedem Haus installiert sein werden. Die drei Schlüsseltechnologien der Zukunft lauten Geothermie, Wind und Fotovoltaik. Und das Zauberwort dazu lautet Vernetzung. Nur ein Beispiel: Die Fotovoltaiktechnik, die heute den Markt beherrscht, hat einen Wirkungsgrad von zehn bis zwölf Prozent. Mittlerweile gibt es schon Produkte mit Wirkungsgraden von 20 bis 22 Prozent zu kaufen. Und in den Labors forscht man bereits an einer solaren Effizienz von 40 Prozent und mehr. Man darf nicht vergessen: Die Solartechnologie erlebt ähnlich große Entwicklungsschritte wie die Computerchip-Technologie: Die Leistung verbessert sich alle 18 Monate exponentiell, gleichzeitig sinken die Kosten.
Stichwort Immobilie und Mobilität?
Ein plakatives, aber sehr schönes und in diesem Zusammenhang passendes Bild ist die Elektromobilität. Unter der Annahme, dass die unterschiedlichen Lobbys gut kooperieren, kann ich mir vorstellen, dass eines Tages Elektroautos als Speichermedien genutzt werden. So können die Energiesysteme von Fahrzeugen und Immobilien symbiotisch zusammenwirken. Was ich damit sagen will: Architektur wird auf diese Weise immer mehr zu einem Zusammenspiel von Funktion, Integration und Ressourcenmanagement.
Wer wird diese Entwicklung bestimmen und forcieren? Die Industrie, die Politik oder die Selbsterkenntnis über den Wahnsinn, den wir heute verursachen?
Ganz einfach: Der Impuls kommt aus der Natur. Wenn sich die Wetterphänomene weiter verstärken werden, wie das heute den Anschein erweckt, dann wird die Gesellschaft wohl oder übel reagieren müssen. Die Politik wird Gesetze bestimmen müssen, die Industrie wird Lösungen finden müssen, und die Konsumenten werden sie annehmen müssen. Der gesellschaftliche Wandel wird sich durch alle Schichten ziehen. Ein Teil dessen ist heute schon spürbar: Es wird in den Medien und in der Bevölkerung über Themen gesprochen, und zwar auf einem vergleichsweise hohen Niveau, von denen vor zehn Jahren noch nicht einmal die Rede war.
Wie werden sich diese Entwicklungen auf den Beruf des Architekten auswirken?
Spürbar! Wobei es natürlich an jedem Einzelnen liegt, ob er nur zuschaut wie bisher und die Entwicklung den Experten überlässt oder ob er sich selbst der Sache annimmt. Der Kompetenzverlust der Architekten an der Schnittstelle zu den technischen Gewerken, wie das in den vergangenen Jahren zu beobachten ist, hat zur Glaubwürdigkeit der Branche sicher nicht beigetragen. Das bedeutet: Wer vorn mit dabei sein will, für den gibt es am fachlichen Know-how kein Entkommen. Je umfassender, desto besser! Hinzu kommt, dass sich durch die neuen Technologien nicht zuletzt Stadtplanung und Städtebau verändern werden. Stichwort Fotovoltaik: In Zukunft werden die Städte zugunsten einer CO2-freien Energiegewinnung enorme Flächenressourcen zur Verfügung stellen müssen.
Wie haben Sie sich persönlich Ihr technisches Fachwissen angeeignet?
Durch Interesse und ständige Befassung mit der Materie. Aber natürlich nicht nur! Einen gewissen Teil der Kompetenzen in diesem Büro verdanke ich auch meinen Mitarbeitern, die sich mit ihrem Fachwissen sehr stark in die jeweiligen Projekte einbringen. Ich will so viele Kompetenzen und Verantwortungen wie möglich im Büro behalten. Selbst wenn wir mit Planern unterschiedlichster Fachrichtungen interdisziplinär zusammenarbeiten, möchte ich mir einen gewissen Gesamtüberblick über die Materie bewahren. Komplexe Projekte wie etwa ein Krankenhaus, eine Konzerthalle oder ein Kraftwerk kann man nur abwickeln, wenn man die Ressourcen innerhalb des Büros sicherstellt. Sobald ich grundlegende Kompetenzen aus der Hand gebe, besteht die Gefahr, die Kontrolle über die Gestaltung und somit den hohen Qualitätsanspruch zu verlieren.
Mein persönlicher Eindruck ist, dass die meisten Architekten über ein derart fundiertes und breitgefächertes Technik- und Technologiewissen gar nicht verfügen. Was raten Sie in diesem Fall? Meinen Kollegen rate ich gar nichts. Jeder muss selbst wissen, was er macht. Jungen Leuten im Allgemeinen lege ich allerdings ans Herz, den Blick auch unter die Oberfläche zu werfen. Letztendlich spielt es wahrscheinlich gar keine Rolle, auf welchem Gebiet das passiert. Wichtig ist nur, dass man einen umfassenderen Blick auf die Dinge behält und dass man lernt, sich fürs Detail zu begeistern.
Eines der komplexesten Projekte ist das Wohn- und Geschäftshaus Rondo in Graz, wo Sie auch Ihr eigenes Büro und Ihre eigene Wohnung haben. Bei diesem Projekt haben Sie auch die
Projektentwicklung in die Hand genommen und erst danach einen Bauträger gesucht. Wie haben Sie sich abgesichert?
Im Nachhinein betrachtet war das Risiko nicht so klein. Albert Ortis und ich haben in die Projektentwicklung sicherlich anderthalb Jahre investiert. Es hätte durchaus passieren können, dass wir für einen Wohnbau dieser Größenordnung auch keinen Investor finden. Ich glaube, wir waren so sehr in der Sache drinnen und waren von diesem Projekt so überzeugt, dass wir uns des tatsächlichen Risikos objektiv gar nicht bewusst waren.
Welches finanzielles Risiko sind Sie damals eingegangen?
Ich würde sagen, die Vorfinanzierung war in der Größenordnung eines sehr, sehr großen Wettbewerbs. Wenn wir gescheitert wären, dann wären die Konsequenzen für mein Büro hart gewesen, aber das Risiko war sicher nicht existenzbedrohlich. Solche Projektentwicklungen, die sich über ein bis zwei Jahre ziehen, brauchen einen langen Atem und einen gewissen finanziellen Polster.
Ein imagemäßig schwieriger Moment für Sie entstand, als der Sturm „Paula“ im Jahr 2008 die Polycarbonat-Fassade des Wohnhauses Rondo heruntergerissen hat. Für die Leute, insbesondere für die Gegner, war das ein gefundenes Fressen.
Natürlich sind einige auf einen populistischen Zug aufgesprungen. Aber ich muss gestehen, dass die professionelle Behandlung und Behebung des Schadens sehr positiv war. Uns gegenüber gab es nie Forderungen. Das außergewöhnliche Ereignis lag weit über den Normen. Spätestens seit diesem Sturm weiß ich jedoch, dass man sich der Verantwortung als Architekt ständig bewusst sein und diese sehr, sehr ernst nehmen muss.
Wie ist es Ihnen damals persönlich gegangen?
Schlecht. Für mich war das dramatisch. Obwohl uns kein Verschulden getroffen hat, fühlt man sich verantwortlich. Ich habe meinen Teil gelernt. Der Beruf des Architekten ist eine Schule, jeden Tag aufs Neue. Manchmal mühsam. Aber großartig.




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