Warum Museen heute so wichtig sind | Michelle Shepherd, Isabel Termini
26.07.2010
Neue Museen für alle!
„Museumsphänomen“
Museen sind nach der Definition von ICOM, dem International Council of Museums, „gemeinnützige, ständige, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtungen im Dienst der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken dienen”. Ihre Aufgaben sind Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln. Der Museumsbegriff umfasst eine Vielheit von Typen: Kunstmuseen, Naturgeschichtemuseen, Technische Museen, Stadtmuseen, lokale (Geschichts)Museen, Bezirksmuseen bzw. „Heimatmuseen“, Firmenmuseen, Kindermuseen, Ecomuseen, Science Center und andere mehr wie beispielsweise Spezialsammlungen.
In den letzten Jahren ist auch in Österreich ein zunehmendes publizistisches Interesse am Thema Museum feststellbar. Dies entspricht dem internationalen Trend. Im Gegensatz zu dem Klischee des Museums als verstaubter Ort wurde in einer Studie festgestellt, dass weltweit 95 Prozent der heute bestehenden Museen nach 1945 – und vor allem seit den 1970er-Jahren – gegründet wurden. Dieses sogenannte „Museumsphänomen” lässt sich – so die renommierte Museumswissenschafterin Sharon Macdonald – aus einer dynamischen Mischung zum Teil verknüpfter Motivationen und Problemen erklären. Dazu gehört die Sorge um „Geschichtsvergessenheit“ ebenso wie die Suche nach „Authentizität” als Remedium gegen die Konsum- und Wegwerfgesellschaft.
Museen als traditionelle Wissensspeicher besitzen eine hohe Glaubwürdigkeit. Auch als Orte des informellen bzw. lebenslangen Lernens nehmen Museen einen großen Stellenwert ein.
Das „Museumsphänomen“ hat auch viel mit dem Wettbewerb der europäischen Städte zu tun. Museumsgebäude als neue Landmarks dienen der Konstruktion eines bestimmten Stadtimages und sind standortrelevante Einrichtungen für das City Marketing. Die Bezeichnung „Bilbao-Phänomen“ ist für Museumsprofessionalisten zumeist negativ konnotiert und meint eine spektakuläre Behältnisarchitektur, die nach Fertigstellung für Ausstellungszwecke neu adaptiert werden muss. Ein Klischee, das gerne perpetuiert wird, meinen doch immer noch viele, dass der White Cube das Maß aller Dinge sei.
Das Inklusive Museum
Der Begriff des inklusiven Museums ist relativ neu und muss sich in der Museumspraxis erst etablieren. Das inklusive Museum ist dem Ziel verpflichtet, mit Programm und Sammlungsstrategie alle Bevölkerungsgruppen anzusprechen. Die jährlich stattfindende Konferenz zum „Inclusive Museum” stellt sich diesen immer wichtiger werden Anforderungen auf hohem wissenschaftlichem Niveau. Neben dem gleichlautenden Journal empfiehlt sich die Website der US-„National Association for Interpretation (NAI)”, um sich über aktuelle Standards wie partizipatorische und kollaborative Praxen zu informieren. Die „American Association of Museums” hat bereits 1998 die Kooperation von Museen und Communitys als zentrale Initiative der Arbeit aller Museen konstituiert.
Von der Öffentlichkeit finanzierte Museen müssen sich die Frage, wie inklusiv sie tatsächlich sind, gefallen lassen. Wer hat Zugang zum Museum? Wer wird angesprochen? Wer ist ausgeschlossen? Wessen Geschichte wird von wem mit welchen Medien erzählt? Essenziell sind auch die Fragen über die gesellschaftliche Rolle des Museums. Hat das Museum Handlungsmacht? Kann es soziale Prozesse unterstützen, beschleunigen oder sogar initiieren? Oder ist das Museum lediglich Spiegelbild der sich verändernden Bedingungen?
Museen lernen langsam, ihr Publikum nicht mehr als eine homogene, weitgehend passiv rezipierende Masse zu behandeln, sondern von einer vielfältigen und aktiven Öffentlichkeit auszugehen. Nicht mehr für ein Publikum, sondern für Publika wird geplant. Einhergehend mit einem neuen „Audience Development“ ändern sich die Sammlungsstrategien. Historische Museen und Stadtmuseen beispielsweise entwickeln neue Sammlungsstrategien, bei der verschiedene Communitys durch Projektarbeit einbezogen sind. Pilotausstellungen, als Foren der Diskussion gestaltet, haben auch das Ziel, neue Artefakte für die Sammlungen zu rekrutieren. Immer öfter werden Besucher aktiv in den Ausstellungsprozess eingebunden und übernehmen die Aufgabe des Kuratierens.
Die Institution Museum befindet sich also in einem Transformationsprozess. Mit der Formulierung von Mission Statements zeigen Museen an, dass sie sich der Veränderungen bewusst sind. Als Absichtserklärungen haben Mission Statements oft utopischen Charakter. Aber sie weisen in die Richtung, in die sie sich entwickeln möchten. Daher ist es von Bedeutung, dass ein Museumsgebäude nicht nur Platz für Ausstellungsexperimente bietet, sondern auch selbst Experiment ist. Es wäre wünschenswert, dass sich der Diskurs über ein neues Museumsgebäude in Wien auf die Frage, warum Museen heute Bedeutung haben, konzentrieren würde. Wünschenswert wäre eine Debatte darüber, was ein Museum in der Stadt zu leisten vermag.
„A quasi-urban field“
Seit kurzem hat Rom ein neues Museum. Das Nationalmuseum der Künste des 21. Jahrhunderts – abgekürzt Maxxi – wurde nach einer zehnjährigen Bauzeit am 27. Mai mit insgesamt vier Ausstellungen inauguriert. Das von Zaha Hadid entworfene Museum hat sich schon jetzt in die Architekturgeschichte eingeschrieben. Im Vorwort des Ausstellungsguides definiert Pio Baldi – Direktor der Stiftung – das Museumskonzept sehr allgemein als einen „Workshop zeitgenössischer Kultur”, der sich Kreativität, Kunst und Architektur verschrieben hat. Klarer hingegen wird nationales Sendungsbewusstsein artikuliert: Wie eine Antenne soll das Maxxi Signale italienischer Kultur in die Welt versenden.
Abseits der klassischen Sightseeing-Route wurde das Museum in Flaminio, einem ehemaligen Arbeiter- und Fabriksviertel aus dem 19. Jahrhundert, gebaut. Intention war dabei auch die Aufwertung der Gegend mit dem neuen Kulturzentrum. Teile einer Kaserne wurden adaptiert und in das neue Gebäude integriert. Museum und Plaza verschleifen den Bebauungsraster. Aus der Vogelperspektive betrachtet, erinnert die Form des Museums an Landebahnen eines Flugfeldes. Die weiße Museumslandschaft ist gleichsam wie ein Garten von einem Zaun aus silbern glänzenden Maschen umgeben. Ein kulturelles Feld in der Stadt Rom, das zur Entspannung einlädt, ist entstanden. „Our proposal offers a quasi-urban field, a world to dive into rather than a building as signature object”, so Zaha Hadid zur Intention der Architektur.
Das Museum als Passage
Innen- und Außenraum sind verzahnt. Von der Eingangshalle weg führen multiple Wege über Rampen, Brücken und Stiegen durch die Galerien, die die Sammlungen in einer semitemporären Ausstellung mit dem Titel „Spazio“ präsentieren. Den Ausstellungskapiteln „Natürlich – Künstlich“, „Vom Körper zur Stadt“, „Pläne des Realen“ und „Das Szenische und das Reale“ sind die Werke zugeordnet.
Das räumliche Nachvollziehen dieser thematischen Trennung fällt allerdings schwer. Viel zu sehr sind die Besucher geneigt, sich vom „Flow“ mitreißen zu lassen. Man folgt dem Duktus, lässt sich einfach treiben. „Die Schaulust wird zur Antriebskraft: Man fühlt sich – gleichsam schwerelos – durch das Museum getragen“, stellte eine Besucherin am Eröffnungstag fest. Die verschiedenen Materialitäten, die große Vielfalt der Räume, Farben, Texturen und Lichtsituationen erzeugen eine Spannung, die die Besucher zur endlosen Bewegung durch vielfältigen Raumkonstellationen antreiben. Fluidität lautet das Prinzip Hadids. Das Museum als eine Passage, die ziellos, aber nicht aufmerksamkeitslos vom Flaneur durchwandert wird. Das Museum als eine Promenade, die selbstverständlicher Treffpunkt ist. Das Museum als Catwalk, der der Selbstdarstellung dient. Das Museum stellt aus, seine Werke, seine Besucher, die ganze Stadt. Das Museum als Ort der gemeinsamen Erfahrung von Raum und Kunst.
Sind die oben beschriebenen „Verkehrswege“ im Museum Orte der sozialen Verdichtung, so können die Galleria Carlo Scarpa und die Galleria Claudia Gian Ferrari als klassische Ausstellungsorte im Sinne von klar begrenzten und überschaubar dimensionierten Räumen, die eine konzentrierte Auseinandersetzung mit einem Thema ermöglichen, bezeichnet werden. Sie befinden sich in der adaptierten Kaserne und sind Wechselausstellungen der Foto- und Kunstsammlungen gewidmet. Auf dem Weg zu den Sonderausstellungen befindet sich – wie ein Kiosk in der Stadt – der Book-Store, abgeschlossen und doch einsehbar. Changierendes Licht lädt zum Verweilen und Querlesen ein.
Laut einer Reportage der „Bloomberg Business Week“ über die Auftragslage der Büros der „Starchitects“ ist Zaha Hadids Studio das einzige, auf das sich die Finanzkrise nicht ausgewirkt hat. Während andere Büros Mitarbeiter im großen Stil entlassen mussten, hat Hadid ihren Mitarbeiterstab im letzten Jahr weltweit um 90 auf 400 Personen aufgestockt. Hadid hat als erste Frau Starstatus erreicht. Ihre Arbeit ist weltweit gefragt. Zweifellos deshalb, weil sie ihre Arbeit genau adressiert und weil ihre Architektur als sozialer Treffpunkt funktioniert. Das Museum als Flaniermeile, als ein Ort der Kommunikation und städtischen Öffentlichkeit ist ein vielversprechendes Konzept für die neuen Museen.




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