Wojciech Czaja im Gespräch mit Silja Tillner und Alfred Willinger
26.07.2010
Am liebsten alles aus einer Hand
In Büropartnerschaften zwischen Mann und Frau erlebt man meistens den Mann als das Zugpferd, selten zwei gleich starke Partner. Bei Ihnen ist das anders. Wie kommen Sie damit zurecht, dass Silja Tillner bekannter ist als Sie?
Alfred Willinger: Ich gebe zu, das ist nicht immer einfach. Silja hat sich mit ihrem Büro schon länger einen Namen gemacht. Außerdem ist sie die extrovertiertere von uns beiden. Wer uns persönlich kennt, der weiß, dass wir zwei unterschiedliche Naturen sind.
Tillner: Ich liebe es, auf Leute zuzugehen. Ich nehme an, dass ich aus diesem Grund von den meisten auch als die primäre Ansprechpartnerin wahrgenommen werde. Aber es stimmt schon: In Partnerschaften, in denen eine Person das Büro schon länger betreibt, wohingegen die andere erst später dazustößt, sind manche Sachen etwas kompliziert.
Das Verhältnis zwischen Mann und Frau in Ihrem Büro ist nicht unbedingt stellvertretend für die Situation in Österreich. Welchen Eindruck haben Sie von der Rolle der Frau in der österreichischen Architektur?
Willinger: Die Realität sieht nach wie vor so aus, dass sich Frauen in der Baubranche eindeutig in der schwierigeren Position befinden. Werfen Sie einen Blick auf die Führungsebenen in sämtlichen Berufsbranchen – ab einer gewissen Höhe wird die Luft recht dünn. In der Architektur ist das nicht anders. Die wenigen Frauen, die es weltweit bis ganz nach oben geschafft haben, arbeiten meistens in Teams oder mit einem Partner zusammen. Frauen in der Architektur – das ist noch lange kein selbstverständliches Äquivalent zum klassischen, männlichen Architekten.
Tillner: Es gab einmal eine Studie im Auftrag der Architektenkammer über die Einkommensverhältnisse von Ziviltechnikerinnen. Die Verhältnisse unter den Architekten sind ja generell schlecht. Doch das Frappante war, das der Großteil der bei der Kammer gemeldeten Architektinnen in Österreich weniger als 1000 Euro im Monat verdient. Das ist das Existenzminimum in diesem Land! Anderes Beispiel: Als ich gemeinsam mit Kolleginnen die Ausstellung „Frauen in der Technik 1900–2000“ konzipiert habe, haben wir uns an jede einzelne Architektin und Ziviltechnikerin in Österreich gewandt. Wir haben die Frauen aufgefordert, uns deren Highlights zuzuschicken. Die Projekte waren sehr schön, aber bei den meisten hat es sich um Kleinprojekte gehandelt – um Wohnungsumbauten, Aufstockungen und Einfamilienhäuser.
Das bedeutet?
Tillner: Solange der Anteil an Ziviltechnikerinnen in Österreich nicht einmal zehn Prozent ausmacht und solange die Einkommensverhältnisse zwischen Mann und Frau nicht ausgewogen sind, sind Förderungsmaßnahmen nach wie vor erforderlich.
Wie könnte so ein Fördermodell aussehen?
Tillner: In den USA gibt es für so genannte Women Owned Businesses bei öffentlichen Ausschreibungen ein paar Pluspunkte. Auch wenn die Architektenkammer jetzt wahrscheinlich aufschreit, so wäre ich dafür, so ein Modell auch in Österreich einzuführen. Ich hätte auch nichts gegen eine Quotenregelung. Solange das Unverhältnis zwischen Mann und Frau in dieser Branche so groß ist, unterstütze ich jeden erdenklichen Vorschlag, um diesen Umstand zu normalisieren.
Gibt es in Ihren Augen ein Land oder eine Region, an der man sich ein Beispiel nehmen könnte? Wo ist das Verhältnis ausgeglichener?
Tillner: Stichwort Skandinavien! Nicht zuletzt funktioniert dort das System so gut, weil es flächendeckend ganztägige Kinderbetreuung sowie ein ganztägiges Schulsystem gibt. Hinzu kommt, dass die Männer in Skandinavien genauso wie die Frauen in Karenz gehen. Und nicht zuletzt arbeiten die Frauen in Skandinavien auch länger, und die Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen sind geringer. Bei den meisten Frauen in Österreich ist es so, dass sie mit Mitte 50, spätestens 60 aus der Berufswelt verschwinden, während einige Männer noch mit 70 mitten im Berufsleben stehen. Übrigens sind das auch Architekten, die zum Teil zugeben, dass sie ihre größten Erfolge erst im hohen Alter erzielt haben. Bin schon gespannt, wie es mir ergehen wird! Ich habe vor, solange das mein gesundheitlicher und körperlicher Zustand zulassen wird, mit 70 immer noch im Büro zu stehen und an neuen Projekten zu arbeiten.
Eines Ihrer ersten Projekte war das neue Gürtelkonzept für Wien. Warum gerade Silja Tillner?
Tillner: Es ist ja nicht so, dass ich das Projekt am Silbertablett serviert bekommen habe. Ich habe mir das hart erarbeiten müssen. Gerade das Gürtelprojekt war eines, das jeder schon abgeschrieben hatte. Die Skepsis war groß. Vor allem unter den Kollegen wurde mir wenig Aussicht auf Erfolg entgegengebracht. Der Auftraggeber hingegen, die MA 21A, die hat voll und ganz an mich geglaubt. Ich denke, dass in Zusammenarbeit mit dem Team, mit all den Beamten der Stadt Wien, ein wirklich tolles Projekt entstanden ist. Das Projekt war ein Meilenstein für unser Büro.
Ein weiterer Meilenstein war sicherlich das Projekt Skyline, bei dem Sie von der Bauplatzsuche angefangen in das Projekt involviert gewesen sind und im Zuge dessen dann mit Projektentwicklern und Ingenieuren eine ARGE gegründet haben. Ist das eine Stoßrichtung in die Zukunft?
Tillner: Hoffentlich! Ich finde es sehr wichtig, dass man nicht auf die Entwurfsleistung reduziert wird, sondern dass man das gesamte Leistungsprofil abdeckt. Ein Projekt, bei dem man von der Standortsuche über die Projektentwicklung bis hin zum allerletzten Fassadendetail involviert ist, legt eine ganz andere Qualität an den Tag als ein Projekt, bei dem die unterschiedlichen Arbeitsleistungen auf mehrere Büros verteilt. Wir sind ganz vehement dahinter, die Ausführungsplanung bei unseren Projekten mitzumachen. Die Qualität der Ausführung ist das Um und Auf eines Projekts.
Für das Messegelände im Wiener Prater, wo zur Zeit der neue WU-Campus entsteht, haben Sie eine städtebauliche Studie gemacht. Was ist daraus geworden?
Willinger: Ich würde sagen, sehr viel sogar! Im Auftrag der MBG, der Messer Besitz GmbH, haben wir eine Machbarkeitsstudie gemacht, welche konkreten Nutzungen auf dem südlichen Messegelände – genauer gesagt auf dem so genannten Messecarree Süd – in Zukunft stattfinden können. Wir haben einige Szenarien durchgespielt und haben am Ende dazu geraten, eine universitäre Nutzung anzudenken. So gesehen würde ich durchaus behaupten, dass unsere Studie auf dem Messegelände ein erster konkreter Startschuss zum WU-Campus war.
Generell gefragt: Sie decken mit Ihrem Büro viele Planungsleistungen ab. Wie wird sich das Berufsbild des Architekten und der Architektin in Zukunft verändern?
Willinger: Ich glaube, dass zwei unterschiedliche Tendenzen zu beobachten sind. Die Aufgaben werden immer komplexer, das Arbeitsspektrum immer größer. Die meisten Architekten spezialisieren sich daher auf einen ganz bestimmten Aufgabenbereich – sei das nun Entwurf, Ausführungsplanung, Ausschreibung oder etwa Projektmanagement und Projektkoordination. Einige wenige Architekten gehen zusehends dazu über, das gesamte Paket aus einer Hand anzubieten. Das ist unser Ziel. Wo es geht, treten wir gemeinsam mit Partnern als Generalplaner auf.
Tillner: Wie bei anderen Berufen muss sich das Berufsbild permanent neuen Arbeitsmarktbedingungen anpassen. Ein Trend, den ich international beobachte, ist, dass die führende Rolle der Architekten und Architektinnen bei Großprojekten immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird. Hier ist eine Entwicklung in Richtung Normierung und Vereinheitlichung der gesamten Baubranche im Gange. Letztendlich schadet das den Architekten selbst.
Inwiefern?
Tillner: Wenn ich nur noch bestimmte Arbeitsleistungen anbiete, dann geht ein großer Teil der Honorare verloren. Nur ein Beispiel: Wer sich darauf spezialisiert, bei Projekten nur den Bereich Vorerntwurf, Entwurf und Einreichung abzudecken, verzichtet damit auf 60 Prozent seiner Honorarmöglichkeiten. Das heißt, man muss doppelt bis drei Mal so viele Projekte lukrieren, um über die Runden zu kommen.
Willinger: Ein Gebiet, in dem sich viele Architektinnen und Architekten verlieren, ist der Passus der künstlerischen Oberleitung. Die KOL zu übernehmen, das ist das Mindeste! Besser ist es jedoch, das gesamte Spektrum mitsamt Ausführungsplanung anzubieten. Die Wahrheit ist nämlich, dass viele Architekten, die nur KOL anbieten, dann jede Woche auf die Baustelle rennen und so viel Zeit in das Projekt investieren, dass das fast schon einer örtlichen Bauaufsicht gleichkommt. KOL alleine ist meist ein Verlustposten.
Tillner: Was wir generell sehr gerne machen, sind städtebauliche Studien und Bauherren- und Bauträgerberatungen. Das sind Arbeitsleistungen, die aus dem gewöhnlichen Spektrum des Architektenberufs herausfallen und die teilweise nicht einmal in den Honorarrichtlinien für Architekten aufgelistet sind. Aber sie reizen uns sehr.
Das aktuellste Projekt?
Willinger: Das Bürohaus am Praterstern, das sich gerade in Bau befindet, und das Messecarree, das sich noch im Planungsstadium befindet, zählen sicherlich zu den größten und wichtigsten Projekten derzeit. Außerdem wird demnächst die Überdachung des Lutterhauses in Wittenberg in Deutschland fertiggestellt. Was den Wohnbau betrifft, arbeiten wir gerade am Passivhaus-Wohnbau für die Aspanggründe.
Tillner: Vor ein paar Tagen haben wir einen Bauträgerwettbewerb gewonnen. Ganz taufrisch! Wir haben dem Bauträger einen Wohnbau vorgeschlagen, der in Form eines Partizipationsmodells mit den Bewohnerinnen und Bewohnern entstehen soll. Schon während der ersten Planungssitzungen haben wir mit dem Bauträger und mit Soziologen zusammengearbeitet. Das sind wahnsinnig spannende Planungsaufgaben. Ich freue mich schon sehr auf dieses Projekt.
Tillner & Willinger
geboren 1960 in Wien
Architekturstudium an der TU Wien und an der Akademie der Bildenden Künste in Wien
1988 Diplom an der Akademie der Bildenden Künste, Wien
1988–1990 Master Degree in Urban Design an der University of California, Los Angeles
1989–1994 Arbeit im Bereich Urban Design in Los Angeles, USA
seit 1992 Vorträge über Städtebauthemen
seit 1995 Architektin in Wien
2003 Unterricht an der University of Texas, Austin
2004 Gastprofessur an der École d’Architecture, Nancy
2004–2005 Gastprofessorin für Städtebau an der TU Innsbruck
2006 Lehrauftrag an der TU Wien, Institut für Tragwerkslehre
2008 Mitglied im Fachbeirat für Stadtplanung und Stadtgestaltung in Wien
seit 2007 gemeinsames Büro Tillner & Willinger ZT GmbH
Alfred Willinger
geboren 1972 in Wien
Architekturstudium an der TU-Wien
1997–2003 Mitarbeit in mehreren renommierten Architekturbüros in Wien
2001 Diplom am Institut für Hochbau und Entwerfen
2002 Ausstellung HB2. 11 Jahre Institut für Hochbau 2, TU Wien
2003 Ausstellung Archdiploma 2003, TU Wien
2003–2005 Bürogemeinschaft mit Silja Tillner und Helmut Richter, Büroleitung
2006 Ziviltechnikerprüfung
Projekte (Auswahl):
1994 Studie Gürtelrevitalisierung, Wien
1999 Überdachung Arkadenhof Rathaus, Wien
1999 Urban-Loritz-Platz, Wien
2006 Wettbewerb Messecarree Nord, Wien, ARGE mit Arch. Regina Freimüller-Söllinger
2007 städtebauliche Studie Messecarree Süd
2008 Bürohaus Schottenring, Wien
2009 Skyline Spittelau, Wien
2010 Folienkissendach in Wittenberg, Sachsen-Anhalt
2011 Bürogebäude Praterstern, Wien
2011 Wohnbau Degengasse, 1160 Wien
2012 Passiv-Wohnbau Aspanggründe
2013 Messecarree Nord, Wien
Preise:
1996 AIUP Award, amerikanischer Städtebaupreis mit Gruen Associates (Glendale Corridor Plan)
2000 Bauhaus Award (Urbion Projekt, Wien)
2001 ar+d (ArchitektInnen unter 45)
2001 IFAI Award (Überdachung Urban-Loritz-Platz)
2005 LEAF Awards, Best Regeneration Project (Gürtel,
Urban-Loritz-Platz, Spittelau)
2005 Gold auf der Biennale Miami Beach 2005 in der Kategorie Landscape Architecture and Urban Design für die Revitalisierung Gürtel
2009 2. Preis, Architect of the Year 2009, ATGA Real Estate and Facility Management




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