Will Dubai alt sein oder neu? | Eine Reportage von Wojciech Caja
30.08.2010
Schizophrenie in der Wunderlampe
Ein Canyon mit futuristischen Allüren. Die Sheikh Zayed Road in Dubai City erinnert stellenweise an Filmausschnitte aus „Blade Runner“, „Star Wars“ und „I, Robot“.
Aus der Red Metro Line, die seit September letzten Jahres in Hochlage entlang der zehnspurigen Autobahn verkehrt, präsentiert sich das Zukunftspanorama besser als irgendwo sonst. „Wie gefällt Ihnen der Burj Khalifa, mein Herr?“, fragt Lingxiao Xu, während der Zug mit 90 Sachen vollautomatisch und ohne Fahrer dahingleitet. Die gebürtige Chinesin lebt seit zwei Jahren in Dubai und arbeitet als U-Bahn-Kontrollorin. Sie hat nicht viel zu tun. Untertags, wenn die Rushhour entweder schon längst überstanden oder noch in weiter Ferne liegt, ist der Zug fast leer, und Xu hat Zeit zum Plaudern. „Also ich finde ihn großartig. 818 Meter! Unglaublich, dass man so etwas überhaupt bauen kann!“
Die populistischen Aushängeschilder der Vereinigten Arabischen Emirate lesen sich wie eine Ansammlung an Superlativen aus der internationalen Zukunftsfibel: größtes Luxushotel, größte künstliche Insel, größtes Aquarium, größtes dies und größtes das. Doch während mit dem Bau des Burj Khalifa der Wettstreit um die internationale Vormachtstellung – nicht zuletzt aufgrund der globalwirtschaftlichen Rezession – vorerst mal ihren Höhepunkt erreicht hat, findet man andernorts wieder zu den historischen Wurzeln zurück.
„Diese Stadt ist viel zu schnell gewachsen, irgendwann ist den Planern der menschliche Maßstab entglitten, irgendwann haben wir alle den Halt verloren“, sagt der brasilianische Architekt Christopher Gintner, der seit einigen Jahren als Expat, als sogenannter Entheimateter, in Dubai und Abu Dhabi lebt. Die Heimatlosigkeit ist Prinzip. „Die Folge ist eine Rückbesinnung auf die Ursprünge. Das bezieht sich nicht nur auf die Architektur, sondern auch auf den Life-Style im Allgemeinen, auf die Mode, auf die Sprache, auf die Kulinarik und nicht zuletzt natürlich auch auf die Religion. Ich habe das Gefühl, dass das permanente Streben nach dem Übermorgen am Ende nicht einmal mehr die Araber glücklich macht.“
Die Folge ist eine massiv gebaute Architektur mit meterdicken Wänden, die so tun, als seien sie traditionsgemäß aus Lehm zusammengeklopft, als seien sie mit Rundhölzern verstärkt und mit Palmenblättern bewehrt. Die beiden Luxushotelanlagen Al Qasr und Madinat Jumeirah, direkt am Fuße des futuristischen Sieben-Sterne-Hotels Burj Dubai gelegen, sind ein Paradebeispiel für diese Form der vergangenheitsverliebten Als-ob-Architektur. Zwischen puebloartigen Sandburgen mit abgerundeten Kanten und ockerfarbenem Pizzaputz erstreckt sich ein Netz aus künstlichen Kanälen. Von der Lobby zu den Zimmertrakten fährt man mit der Elektrogondel, alles sehr venezianisch, Gondoliere inklusive.
Aktuelle Exempel traditionalistischen Bauens beweisen, dass die Flucht nach hinten keineswegs nur eine Sache plumpen Tourismus-Marketings ist. In der Old Town Dubai, einem historisch anmutenden Stadtviertel rund um den Burj Khalifa, ist die Vergangenheit noch sehr jung. Das komplexe und ausufernde Wohnquartier des Hochhauserbauers Emaar Properties wurde erst letztes Jahr fertiggestellt und umfasst unterschiedliche Sand- und Brauntöne, hölzerne Balkonerker und sogenannte Windtürme. Das traditionelle und altbewährte Element dient nicht etwa der thermischen Kaminwirkung, denn dazu ist die Lufttemperatur im Freien viel zu hoch, sondern fängt den Wind aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen ein und leitet ihn auf ausgetüftelten Wegen in die Wohnräume nach unten. Rein theoretisch ist dies das Funktionsprinzip. Allein, bei den vielen, überaus charakteristischen Windtürmen in der zugegebenermaßen ganz hübschen Old Town Dubai handelt es sich um Attrappen.
„Aus europäischer und angloamerikanischer Sicht mag so ein nachahmerisches Dekor skurril und unbeholfen erscheinen“, sagt Gintner, „doch man darf nicht vergessen, dass wir es hier mit einem Land zu tun haben, das seiner Entwicklung innerhalb weniger Jahre schnurstracks davongaloppiert ist.“ Fake zu sein – ob es sich nun um einen Windturm oder um einen künstlich gebuddelten Kanal handelt – sei die einzige Hoffnung auf Verwurzelung in diesem Land. „Wenn man hier lebt, dann versteht man das, dann sehnt man sich plötzlich nach dieser konstruierten Gemütlichkeit zurück. Bei aller theoretischen Kritik muss man zugeben, dass man sich in dieser altmodisch erscheinenden Architektur wohlfühlt.“
Auch das neue Hilton Worldwide Resort & Spa in Ras al-Khaimah setzt auf die Vergangenheitskarte, auf den Einsatz einer Tradition, die der von jeher dünn besiedelte Beduinenstaat am Persischen Golf nie hatte. Mit den großen Emiraten können wir ohnehin nicht mithalten“, meint Jacques Claudel, Resort-Manager der vor zwei Jahren eröffneten 900-Betten-Anlage. „Anstatt sich dem aussichtslosen Wettkampf gegen Dubai und Abu Dhabi auszuliefern, haben wir beschlossen, dass wir unsere Gäste lieber in eine Atmosphäre aus Wohlfühlen, Gemütlichkeit und gutem Service entführen möchten.“
Sechs Geschoße hoch wächst die luxuriöse Lehmburg in den Himmel, verschleiert die ihr innewohnende Technologie mit groben, runden Loggienöffnungen und romantisch aus der Fassade ragenden Holzbalken, die einen auf Toscana und Hacienda machen. Über der zentral gelegenen Lobby ruht eine riesige massive Kuppel aus Stahlbeton. Vage erinnert die Konstruktion an die für diese Gegend typische Moscheentypologie, bei der eine rechteckige Säulenhalle in der Mitte des Raumes von einer schlichten, schmucklosen Kuppel abgeschlossen wird.
Das jüngste Hotel in der Riege der altneuen Wohlfühlarchitektur ist das im Februar dieses Jahres eröffnete Banyan Tree Al Wadi. Eingebettet in eine malerische Landschaft aus Dünen und dornigem Gestrüpp, rund 30 Kilometer von der Hauptstadt Ras al-Khaimah entfernt, ist dies die erste Dependance der internationalen Luxuskette mit Sitz in Singapur. Das Personal schreitet in bodenlangen Leinenkleidern durch die respektablen Hallen, die eingeschoßigen Gebäude sind schlank und hoch und ohne jeden Schnörksel. „Ein paar der vielen hypermodernen Hotels, die in den VAE in den letzten Jahren entstanden sind, sind den meisten Gästen einen Tick zu cool“, erklärt Pascal Eppink, General-Manager des noblen Dünenresorts.
Als wäre das alles noch nicht genug, firmiert das Banyan Tree Al Wadi als Ökohotel. Die Baumaterialien stammen nach Auskunft der Revenue-Managementleiterin Katrin Herrle aus nachwachsenden Rohstoffen, auf One-way-Behältnisse – ob es sich dabei um eine Wasserflasche aus Plastik oder um ein Duschgel in der Wegwerftube handelt – wurde gänzlich verzichtet, die zierlichen Blechskulpturen im hoteleigenen Souvenirshop stammen aus der Hand von Arbeitslosen und Bedürftigen.
Das Thema Ökologie wird zum Teil oberflächlich behandelt. Von ökologischen Grundpfeilern wie etwa Solartechnologie, Grundwassermanagement und LED-Beleuchtung ist nichts zu sehen. Doch dafür legt man die Wege im gesamten Ressort mit elektrobetriebenen Golfcars zurück. „Außerdem laufen auf dem gesamten Hotelgelände Gazellen und Kamele auf und ab“, erklärt Herrle. „Mit all diesen Maßnahmen wollen wir in unserem Ressort eine alternative Wohn- und Lebensweise zu all den bisherigen Hotels in den Emiraten aufzeigen – weg vom futuristischen Luxus in irgendeinem Hochhaus, zurück zu den Wurzeln unserer Geschichte. Das ist einmalig im ganzen Land.“
Zwischen den insgesamt 101 Gästevillen (Zimmergröße 150 bis 220 Quadratmeter) finden sich auch Nachbauten sogenannter arabischer Wehrtürme. Die massiv geziegelten Türme sind funktionslos. Sie dienen einzig und allein der Atmosphäre. Die einzige Nutzungsmöglichkeit ist die Anmietung für ein sogenanntes Destination-Dining. Mit einem gastronomisch abgestimmten Candlelight-Dinner sollen die Gäste in die Vergangenheit der arabischen Kultur entführt werden. „Unter dem Motto ‚Back to the roots’ ist in den Emiraten derzeit vieles zu finden“, sagt Pascal Eppink, „das hat nicht nur mit Wohnen und Luxushotellerie zu tun, sondern bezieht sich auf viele unterschiedliche Bereiche des alltäglichen Lebens.“
Das Phänomen der kollektiven Kulturflucht nach hinten wird in Fachkreisen bereits kritisch diskutiert. „Dubai hat in den letzten Jahren alles daran gesetzt, zum Aushängeschild des Mittleren Ostens zu werden“, sagt Florian Techel, Architekturprofessor an der Universität Sharjah. „Ob das eines Tages tatsächlich gelingen wird, ist nicht zuletzt eine Frage der Miteinbeziehung der indigenen arabischen Kultur, die im Turbokapitalismus mehr als vernachlässigt wurde.“ Nun muss dringend nachgeholfen werden. Das Rezept lautet: Stahlbeton, Pappmaché und braune Dispersion.




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