Sanierung, Umbau, Neubau, Wiedner Hauptstraße | von Thomas Prlic
30.08.2010
Wohnen deluxe zwischen Alt und Neu
Wohnen in der Wiedner Hauptstraße in Wien hat so seine Vor- und Nachteile. Als Verlängerung der Triester Straße ist sie eine wichtige, allerdings auch stark befahrene und entsprechend laute Verkehrsachse Richtung Wiener City. Andererseits ist sie auch ein breiter, heller Straßenzug mit guter öffentlicher Anbindung durch mehrere Straßenbahnen, der die Bezirke Margareten und Wieden durchschneidet, wobei Letzterer als attraktiver, hochwertiger Wohnbezirk gilt.
Und noch dazu gibt es hier zahlreiche schöne Altbauten. So etwa auch im mittleren Bereich der Wiedner Hauptstraße: Ein altes, im Jahr 1886 vom Architekten Alexander Feigler errichtetes Patrizierhaus, das zusammen mit zwei Nachbarshäusern ein historisches städtebauliches Ensemble bildet und in einer Schutzzone liegt. Hofseitig und von der Straße aus komplett uneinsehbar befindet sich hier noch dazu ein altes, verschlafenes Stadtpalais. Eine echte historische Perle also, die einst dem Chemiker und Unternehmer Carl Freiherr Auer von Welsbach gehörte, der in dem Haus angeblich den Glühstrumpf erfand, wie die Architekten Bernhard Liegler und Amir Takeh erzählen.
Im Auftrag der Immobilienentwicklungsfirma Sans Soucis haben die beiden jungen Architekten die Renovierung des der Wiedner Hauptstraße zugewandten Altbaus samt einem zweigeschoßigen Dachausbau mit Luxuswohnungen geplant; dazu die Restaurierung des hofseitigen Stadtpalais und die Errichtung eines Neubaus mit Wohnungen und Büros im Innenhof anstelle der alten Hofbebauung (früher war hier einmal ein Autohändler einquartiert, zuletzt eine Druckerei). Es handelt sich also eigentlich um mehrere, über ein Stiegenhaus räumlich teils miteinander verschachtelte Projekte, bei denen es für die Architekten um einen Spagat zwischen einem sensiblen Umgang mit historischer Bausubstanz und einer zeitgemäßen architektonischen Formensprache ging.
Ursprünglich war im Altbauteil im Zuge der Renovierung eine Adaptierung der großzügigen Wohnungen als Büros geplant. Trotz der ausschließlich straßenseitigen Ausrichtung der Räume fanden sich allerdings zahlreiche Interessenten für Eigentumswohnungen, weshalb man letztendlich doch bei der Wohnnutzung blieb. Das Palais ist um 45 Grad zum Straßenobjekt verdreht und über ein Stiegenhaus, das quasi als räumliches Drehgelenk fungiert, miteinander verschränkt. Wie im Straßenobjekt wird auch hier das Dachgeschoß ausgebaut. Durch die großzügigen Öffnungen in den dem Haupthof abgewandten Feuermauern sowie den Wechsel zwischen verglasten Dachschrägen und Terrassen auf verschiedenen Ebenen dürfte das nach Fertigstellung eine beeindruckende Dachlandschaft ergeben.
Auch der Neubauteil im Hof soll großzügige Terrassen und Grünflächen auf dem Dach bekommen. Für den zweihüftigen Bauteil entwickelten die Architekten Wohneinheiten mit rund 70 Quadratmetern Grundfläche für eine spezielle Zielgruppe: Der Bauherr will für die Wohnungen vor allem zahlungskräftige Menschen aus dem Umland gewinnen, die in Wien ein Zweitwohnung benötigen. Einen Teil der Flächen will man zukünftig außerdem als Büros nutzen.
Trotz der vielschichtigen Struktur der verschiedenen Baukörper des Projekts behandelten die Architekten das gesamte Bauvorhaben in der Entwurfsphase trotzdem als Einheit – was aufgrund der teils verschachtelten Räume freilich eine gewisse Komplexität in der Grundrissentwicklung mit sich brachte. Vor allem die formale Ausarbeitung des Bauteils im Hof war aufgrund der begrenzten Raumverhältnisse für die Architekten eine Herausforderung. Die Blockrandbebauung rundherum schließt das Areal nach außen hin hermetisch ab, macht es aber gleichzeitig (wegen der angrenzenden Wohnungen und Balkone) auch sehr einsichtig. Dazu kommt, dass die ohnehin schon beschränkte Freifläche vor dem Palais nicht komplett zugebaut und der Ausblick vor dem Repräsentativbau berücksichtigt werden sollte.
„Die Entwicklung der notwendigen Dichte zusammen mit dem Blick waren schon ordentliche Vorgaben“, sagt Amir Takeh. Nach zahlreichen Nutzungsstudien entschieden sich die Planer schließlich für eine Drittelung des Hofbereichs. Ein Drittel der Fläche bleibt frei und wird mit stufenartig ansteigenden Grünkaskaden versehen; zwei Drittel werden verbaut, wobei sich die beiden schmalen, in Stahlbetonbauweise errichteten Neubau-Blöcke zum Palais hin verjüngen und die darin untergebrachten Wohnungen und Büros zueinander hin orientiert sind. Verbunden sind die Bauteile durch ein verglastes Stiegenhaus, zwecks optischer Vergrößerung der Raumtiefe soll die Erdgeschoßzone frei bleiben. Die Hofsituation ist damit zwar immer noch reichlich beengt, allerdings sei das ehemalige, inzwischen abgerissene Hofgebäude noch näher am Palais gestanden als die beiden Neubauelemente, sagen die Architekten.
Für die Wiederinstandsetzung des Palais führten Liegler und Takeh ausführliche Gespräche mit den Beamten der Magistratsabteilung 19 (zuständig Architektur und Stadtgestaltung) rund um Fragen der Erhaltung und Restaurierung der historisierenden Fassadenelemente, die – auch wenn das Palais nicht unter Denkmalschutz steht – man erhalten wollte. So finden sich etwa eine Wappenkartusche im Giebelfeld und Satyrfiguren in den Zwickeln. In Sachen Verbindung von historischen und modernen Bauelementen pflegen die beiden Architekten, die zusammen mit dem Bauträger schon eine ganze Reihe an Projekten zwischen Sanierung und Neubau durchgeführt haben, ansonsten einen gesunden Pragmatismus. Im Erdgeschoß etwa lässt man nun eine vor langer Zeit entfernte, gewölbte Glasveranda reinstallieren, dafür verpasste man der alten Blechdeckung der Kuppeldaches über dem Palais eine zeitgemäße Neuinterpretation: Die Kontur behielten die Planer bei, die Kuppel wurde aber komplett verglast und zwecks Sonnenschutz mit beweglichen Alulamellen darüber versehen. Der Bruch zwischen Alt und Neu verläuft auf der Schauseite des Palais damit genau entlang der Gesimsekante.
Ähnlich verfuhren die Architekten beim Patrizierhaus: Die Erdgeschoßzone ließen sie straßenseitig sogar auf die ursprüngliche Gliederung zurückbauen, dafür wird ähnlich dem Kuppeldach der alte Stiegenhauskopf neu gedeckt und in den darunter eingerichteten Wohnraum integriert – was wohl ein ziemlich einmaliges Raumerlebnis ergeben dürfte. Wie überhaupt die großzügigen Dachfenster und verglasten Wandeinschnitte in den Dachwohnungen nebst viel Licht für schöne Ausblicke über die Stadt sorgen werden. Für die Dächer haben die Architekten großformatige, dunkelgraue Eternitplatten als Deckung über einem hinterlüfteten Blechdach vorgesehen. Statt dem verblassten Pistaziengrün soll die Straßenfassade künftig einen hellgrauen Grundton mit dünkleren Akzenten in verschiedenen Stockwerken bekommen.
Bei den Wohnungen im Straßentrakt wurden die alten Kastenfenster zur Straßenseite zur Verbesserung des Schallschutzes mit neuen Isolierverglasungen aufgewertet. Heiztechnisch werden die Wohnungen mit Fernwärme versorgt, wobei die Architekten ein nicht ganz alltägliches System installieren ließen: Durchs gesamte Objekt läuft eine Sekundärleitung, jede einzelne Wohnung konnte so, anders als sonst üblich, dezentral mit eigenem Wärmetauscher versehen werden. Auf diese Weise kann jeder Eigentümer ähnlich wie mit einer Therme heizen, wann er will.




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