CO2-neutral bauen
30.08.2010
Zeigen, dass es geht
![]() In nur zehn Monaten Bauzeit entsteht in St. Andrä Wördern ein neuer Ökokindergarten in Holzmassivbauweise. © Schermann & Stolfa |
![]() Die Volkschule in Neutal ist die erste Ökovolkschule im Burgenland. © Taschner-Kinger |
Architekten und Planer sind dabei gefordert, den Spagat zwischen Ökologie, Ökonomie und Wohnbehaglichkeit optimal zu lösen. Drei Best-Practice-Beispiele zeigen, dass CO2-reduziertes Bauen und anspruchsvolle Architektur gut vereinbar sind. „CO2-Einsparung ist ein Thema, das uns alle angeht und das wir umfassend umsetzen müssen“, ist Erich Trummer, Landtagsabgeordneter und Bürgermeister der burgenländischen Gemeinde Neutal, überzeugt. „Die öffentliche Hand hat dabei eine klare Vorreiterrolle. Schließlich geht es hier um Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit und darum zu zeigen, dass solche Zukunftsprojekte bereits realisierbar sind, und zwar ohne großartige Mehrkosten.“ So wie Erich Trummer denken in Österreich mittlerweile immer mehr Kommunen und achten beim Bau von öffentlichen Projekten stärker auf die gesamte Ökobilanz ihres Gebäudes.
Best Practice 1: Sozialzentrum Ludesch
Die 3.000-Einwohnergemeinde Ludesch nördlich von Bludenz ist bereits seit 1998 Mitglied bei „e5“, dem europäischen Gemeindeprogramm für Energieeffizienz und aktiven Klimaschutz. Daher haben sich die Vorarlberger schon seit Jahren dem ökologischen Bauen verschrieben. Als die Erweiterung ihres bestehenden Sozialzentrums aufgrund der starken Nachfragen nach Altenpflegebetreuungsplätzen anstand, waren die Vorgaben von Anfang an klar. „Es sollte ein Vorzeigeprojekt in puncto Ökologie und Lebensqualität werden“, bringt es Helmut Tschegg, Projektleiter bei der Vogewosi, auf den Punkt. Der größten gemeinnützigen Vorarlberger Wohnungsbau und Siedlungsgesellschaft kommt bei dem 3.300 Quadratmeter großen Zubau eine besondere Rolle zu, sie fungierte schließlich als Bauherr und Errichter. Ludesch und die angrenzenden Nachbargemeinden werden sich als Langzeitmieter einmieten.
Ökologische Alternative für Beton
Für Architekt Hubert Koch war das Projekt eine besondere Herausforderung, denn es galt neben dem ökologischen Anspruch auch viele unterschiedliche Bedürfnisse unter einem Dach zu vereinen. „Mir persönlich war es wichtig, den älteren und zum Teil dementen Bewohnern in ihrem letzten Lebensabschnitt so viel Behaglichkeit wie möglich zu bieten. Darüber hinaus hatten wir noch die Schwierigkeit, dass der bestehende Teil des Sozialzentrums – ein 300 Jahre altes Bauernhaus unter Denkmalschutz steht und möglichst unangetastet mit dem neuen Teil zu verbinden war.“ Herausgekommen ist letztendlich eine Mischbauweise aus Beton, Holz und Glas, die sich optisch durch die vorgehängte Holzfassade aus heimischer Weißtanne und durch eine Glasveranda sehr modern und luftig gibt und mit der bestehenden Bausubstanz durch eine Brücke verbunden wurde. Gleichzeitig spielt das Passivhaus ökologisch alle Stücke. Tschegg: „Da wir einiges an Beton verbaut haben, wollten wir auch hier so umweltschonend wie möglich agieren.
Dabei sind wir bei unserer Materialrecherche auf Slagstar Ökobeton gestoßen, bei dem der eingesetzte Spezialzement nicht gebrannt, sondern nur gemahlen wird und daher massiv viel CO2 einspart. Durch den Einsatz von Slagstar Ökobeton konnten wir allein 300 Tonnen CO2 einsparen – das entspricht rund zwei Millionen gefahrener Autokilometer.“ Auch bei der übrigen Materialauswahl hatten nachhaltige Produkte Vorrang. So wurde kein PVC verwendet, es kamen nur Massivholz und Holzfaserplatten ohne chemische Bindemittel zum Einsatz, und gedämmt wurde mit bis zu 30 Zentimeter dicker Schafwolle und Zellulose. Die kontrollierte Wohnraumlüftung sorgt für ein konstantes Raumklima und die 12,5 kWh pro m² und Jahr für die Heizung liefert das öffentliche Fernwärmenetz der Gemeinde.
Ökologische Bauaufsicht
Unterstützend für Architekt und Handwerker kam Gebhard Bertsch als ökologische Bauaufsicht zum Einsatz. Der Ökoexperte betreibt seit 2003 ein Planungsbüro für erneuerbare Energie und gesundes Wohnen. „Neben der technischen und ökologischen Beratung prüfe ich, ob die Baufirmen ausschließlich ökologische Produkte einsetzen – dafür braucht es Bewusstseinsbildung bei den beauftragten Baufirmen.“ So macht Gebhard Bertsch bei Ökobauprojekten erst einmal einen Infoabend für die Handwerker, bei dem sie über die Zielsetzung des Projekts informiert werden und Hilfestellung erhalten, wo man die ausgeschriebenen Materialien bekommt.
Derzeit ist im Sozialzentrum Ludesch der Innenausbau am Fertigwerden. Nach Projektabschluss im Herbst wird die gesamte Öko- und CO2-Bilanz für das Gebäude erstellt. Bertsch: „Durch die Auswahl unserer Baumaterialen konnten wir das Treibhauspotenzial um ein Drittel und die verbaute Energie sogar um 50 Prozent im Vergleich zu herkömmlicher Bauweise reduzieren – und das bei Mehrkosten von lediglich ein paar Prozent.“ Dass man eine Pflegeeinrichtung auch nachhaltig bauen kann, spricht sich bereits herum. Tschegg: „Wir haben bereits jetzt viele Anfragen für Exkursionen. Gerade für Gemeinden ist so ein Objekt ein spannendes Beispiel, dass man Bewohnerbedürfnisse, Architektur und Ökologie gut und leistbar verbinden kann.“
Best Practice 2: Ökovolksschule Neutal
Als klar war, dass die burgenländische Gemeinde Neutal eine neue Volksschule braucht, las sich Bürgermeister Erich Trummer ein Jahr lang in das Thema ökologischer Schulbau ein, um bereits für den Architekturwettbewerb die entsprechenden ökologischen Baukriterien vorgeben zu können. „Schließlich wollten wir die erste burgenländische Ökoschule errichten“, erinnert sich Trummer. Dass er sich so sehr für ökologisches Bauen einsetzt, kommt nicht von ungefähr – schließlich ist der engagierte Politiker Umweltsprecher der SPÖ-Burgenland und auch burgenländischer Landtagsabgeordneter: „Das Burgenland hat es sich zum Ziel gesetzt, bis 2013 stromautark und bis 2020 mittels erneuerbarer Energie sogar energieautark zu sein. Das schaffen wir nur mit einer Vielzahl an Projekten wie unserer Ökovolksschule.“
Nur CO2-schonende Baustoffe
„Die Vorgaben für Ökologie und Energiekennzahlen waren sehr klar“, erinnert sich der Architekt Reinhard Taschner vom Architekturbüro Taschner-Kinger, „Wir haben jeden Baustoff in seinem gesamten Lebenszyklus bewertet und uns jeweils für die natur- und CO2-schonendste Variante entschieden.“ Dass die Volksschule in Passivhausqualität errichtet werden sollte und dabei die Behaglichkeit für Kinder und Lehrer im Vordergrund stand, komplettierte das Anforderungspaket für Taschner und seine Mitarbeiter. Entstanden ist daher ein kompaktes, dreigeschoßiges Gebäude mit 900 Quadratmeter Nutzfläche und klarer funktionaler Zuordnung – das Erdgeschoß als Ein- und Durchgang, das Obergeschoß als Lerngeschoß und das Tiefgeschoß für Bewegung.
Mehrkosten von circa vier Prozent
Für die ökologische Unterstützung sorgte mit Richard Woschitz, Geschäftsführer der Woschitz Engineering GmbH, auch hier ein Energie- und Ökoprofi. „Durch die sorgfältige Materialauswahl konnten wir bereits bei der Errichtung 440 Tonnen CO2 einsparen – von der laufenden CO2-Einsparung durch minimalen Energieeinsatz noch gar nicht zu sprechen.“ Möglich machte dies auch hier wieder der Einsatz von Ökobeton für Unter- und Erdgeschoß sowie die Errichtung des Obergeschoßes in Holzkonstruktion mit einer modernen Holzplattenverkleidung. Die Mehrkosten für das 1,9 Millionen Euro teure Projekt lagen bei circa vier Prozent gegenüber konventioneller Bauweise. Mittlerweile ist die Ökovolksschule Neutal seit ein paar Monaten im Betrieb – zur Zufriedenheit aller. Erich Trummer: „Die ganze Gemeinde ist stolz auf unser neuestes Projekt, und wir haben bereits einige Anfragen von anderen Bürgermeistern, die auch eine Ökoschule errichten wollen.“
Best Practice 3: Ökokindergarten St. Andrä Wördern
Gerade im Fertigwerden ist ein weiteres öffentliches Herzeigeprojekt – die Erweiterung des Kindergartens im niederösterreichischen St. Andrä Wördern nahe bei Wien. „Zentrales Thema war für uns, unter Zeitdruck – der Kindergarten musste in weniger als sechs Monaten fertig sein – so ökologisch und CO2-sparend wie möglich zu bauen“, analysiert Architekt Werner Stolfa vom Architekturbüro Schermann & Stolfa. So entstand ein Niedrigenergiehaus mit 830 Quadratmetern Nutzfläche in Holzmassivbauweise und mit vielen vorgefertigten Elementen. Relevante Faktoren für die CO2-Einsparung bei der Errichtung waren der Einsatz von Holz als Hauptbaustoff und auch hier wieder die Verwendung von Ökobeton für die massiven Bauteile. Allein bei der Bodenplatte konnten so 20 Tonnen CO2 eingespart werden. Mit dem Kindergarten wird eine Pelletsheizung für vier kommunale Gebäude errichtet, um den Heizwärmebedarf zu reduzieren, gibt es eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung und Erdkollektoren.
Auch die Sonnenenergie wird genutzt: Es gibt eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach, und eine thermische Solaranlage sorgt für das notwendige Warmwasser. Auch hier wird bei Fertigstellung über das gesamte Projekt eine Ökobilanz erstellt. Die Reaktionen auf das 2,1-Mio.-Euro-Projekt sind sehr positiv. „Wichtig war es der Gemeindevertretung, die Kindergartenbetreuer von Anfang an einzubinden“, erinnert sich Peter Ohnewas, Amtsleiter von St. Andrä Wördern. Als Projektkoordinator ist er für alle Baustellen der Gemeinde zuständig. „In den vergangenen Jahren haben wir bei all unseren öffentlichen Projekten den Auftrag, möglichst CO2-schonend zu bauen. Dass das mittlerweile auch mit wenig Mehrkosten möglich ist, zeigen solche Projekte wie unser Kindergarten.“
Erfolgsfaktoren für ÖkoProjekte
Die Notwendigkeit, sich mit nachhaltigem Bauen und CO2-reduzierten Baustoffen auseinanderzusetzen, steigt besonders für Architekten und Planer, die Projekte im öffentlichen Bereich umsetzen. Darüber sind sich alle Interviewpartner einig. CO2-Berechnungen und die dementsprechende Materialauswahl stellen Architekten dabei jedoch oft vor große Herausforderungen. „Hier hilft es, sich Unterstützung von Experten zu holen“, rät Hildegund Mötzl vom Österreichischen Institut für Baubiologie und -ökologie.
„Einen guten Überblick über CO2-reduzierte Baustoffe bieten auch Datenbanken wie Baubook oder die Richtwertelisten auf unserer Homepage.“ Ökologische Bauprojekte brauchen zumeist eine genauere und detaillierte Planung und Kennzahlenberechnung. Das zeigt die Erfahrung der Projektabwickler. Dieser Aspekt muss in der Planung und Kostenkalkulation berücksichtigt werden. Dazu kommt ein Bereich, der sich gerade bei ökologischen Bereichen spürbar potenziert – die Kommunikation. „Bei so einem Projekt müssen Beteiligte und Betroffene laufend informiert werden“, wissen Helmut Tschegg und all seine Kollegen, „daher heißt es bei so einem Projekt reden, reden, und noch einmal reden.“






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