Gudrun Hausegger im Gespräch mit Margot Fürtsch-Loos u. Siegfried...
30.08.2010
Den Dialog einfordern
Welche Bedeutung steckt im Namen „polar÷“?
Margot Fürtsch-Loos: Darin kommt zum Ausdruck, dass jeder von uns beiden vollkommen unterschiedlich an einen Entwurf, an eine Themenstellung herangeht.
Siegfried Loos: Wir sind zwei sehr gegensätzliche Charaktere mit verschiedenartigen Arbeits- und Denkweisen. Wir verspüren jedoch, so bezeichnen wir das immer, eine „wesenhafte Zusammengehörigkeit“. Im Arbeitsprozess überlagern sich diese unterschiedlichen Qualitäten und lassen so etwas gemeinsames Neues entstehen.
Wie kann man sich bei so unterschiedlichen, „polaren“ Haltungen Ihr tägliches Arbeiten in einem gemeinsamen Büro vorstellen?
Fürtsch-Loos: Steht zum Beispiel ein neuer Entwurf für ein Projekt an, so arbeitet jeder von uns zunächst alleine daran, jeder mit seinem spezifischen Ansatz. Wir versuchen in diesem Prozess den anderen nicht zu beeinflussen. Das einzig Gemeinsame dieser Phase besteht darin, dass wir möglichst spät den Computer verwenden. Das ist auf unsere Ausbildung in einer Zeit zurückzuführen, in der Papier und Bleistift noch die vorrangigen Entwurfswerkzeuge waren. Zusätzlich ist die Herangehensweise jedes Mal – bei beiden von uns – eine andere. Wir haben kein standardisiertes Muster, das wir über jeden Entwurf darüberstülpen. Jeder arbeitet in seiner eigenen Sprache. Die gemeinsame Sprache für ein Projekt wird im Lauf des Arbeitsprozesses im Dialog herausgefiltert.
Bedeutet diese parallele Arbeitsweise nicht einen doppelten Arbeitsaufwand?
Fürtsch-Loos: Wir haben sicherlich durch das Anfertigen zweier Entwürfe anfänglich einen höheren Arbeitsaufwand. Die Erfahrung zeigte jedoch, dass wir dadurch schneller zu einem besseren Ergebnis kommen. Zusätzlich laufen alle weiteren Schritte effizienter ab. Die doppelte Auseinandersetzung mit ein und derselben Aufgabe minimiert auch die Gefahr, später in einer Sackgasse zu landen. Wobei wir uns nach Diskussionsrunden während der Entwurfsphase wiederholt trennen, um alleine weiterzuarbeiten. Auch bei der Ausarbeitung von Details greifen wir auf diese Arbeitsweise zurück.
Loos: Um bei der engen Zusammenarbeit mit unseren Klienten nicht in eine Stimmung zu verfallen, in der allen alles recht wird, überprüfen wir ein zweites oder auch ein drittes Mal eine Problematik. Das sind die Punkte, wo jeder für sich feilt. So entstehen unsere Projekte im Spannungsfeld unserer divergenten Arbeitsmethoden.
Fürtsch-Loos: Nur so ist es möglich, dass jedes Projekt auf sein Charakteristikum reduziert wird.
Sie arbeiten kontinuierlich in unterschiedlichen Bereichen: Neben dem Bauen zeichnen Sie für Ausstellungsgestaltungen oder für Projekte im öffentlichen Raum verantwortlich. Wo fühlen Sie sich am wohlsten?
Fürtsch-Loos: Wir fühlen uns in jenen Arbeitsbereichen wohl, in denen uns ein Auftraggeber als reifer Gesprächspartner gegenübertritt. Es geht uns um ein mündiges Visavis.
Loos: Der Bauherr wird bei uns sozusagen in die Pflicht genommen und in den Prozess des Dialogs eingebunden. Diese Dialogphase ist ein wesentlicher Teil unserer Arbeit. Um sie jedoch effizient zu gestalten, muss eine dementsprechende finanzielle Abgeltung damit verbunden sein. Das veranlasst auch den Bauherrn, sie zeitbewusst und fokussiert zu nutzen.
Das klingt wie eine Disziplinierungsmaßnahme nicht nur für Ihre Klienten, sondern auch für Sie selbst. Wie schlägt sich das bei größeren Projekten nieder wie zum Beispiel beim Masterplan für die Gestaltung des Ortszentrums der niederösterreichischen Gemeinde Sitzenberg-Reidling?
Fürtsch-Loos: Es ist eine Disziplinierungsmaßnahme. Gespräche nehmen die meiste Zeit in Anspruch, nicht so sehr das Entwickeln am Arbeitstisch. Vor allem beim Bau von Einfamilienhäusern ist das der Fall.
Loos: Uns ist der Dialog mit den Klienten wichtig. Wenn wir spüren, dass ein solcher nicht befriedigend geführt werden kann, lehnen wir Projekte ab. Bei der Planung des Leopold-Figl-Platzes für Sitzenberg-Reidling wurde der Dialog mit allen sieben Dörfern, aus denen die Gemeinde besteht, ebenso intensiv geführt. Dieses Interagieren war für uns notwendig, da wir den Platz als Zentrum sehen, in dem sich alle Intensitäten, alle Charakteristika der sieben Gemeinden konzentrieren. Für die Verantwortlichen wiederum war der Dialog eine Art Bewusstwerdungsprozess, der verstehen half, wie ein Zentrum aussehen kann.
Hat diese intensive Zusammenarbeit es ermöglicht, den Platz als „shared space“ zu gestalten?
Fürtsch-Loos: Das hat sicherlich mitgespielt. Für uns ist diese Form der Platzgestaltung eine intelligente Möglichkeit der Reurbanisierung: Die dominante Stellung des motorisierten Verkehrs wird zugunsten eines vielfältig nutzbaren öffentlichen Raumes zurückgenommen. Die Straße in Reidling, bisher reine Durchzugsader, wird so als eine attraktive Umgebung für die Menschen wieder gewonnen werden.
Ihre Wohnbebauung in Wulkaprodersdorf ist dieses Jahr mit dem Architekturpreis des Landes Burgenland ausgezeichnet worden.
Welche Ihrer grundsätzlichen Haltungen zum Wohnbau sind darin eingeflossen?
Fürtsch-Loos: Man kann sagen, dass der Wohnbau in Wulkaprodersdorf die Summe aller Erfahrungen darstellt, die wir beim Bau unserer Einfamilienhäuser sammeln konnten.
Loos: Zusätzlich wollten wir mit diesem Projekt über das Anforderungsprofil des Wettbewerbs hinausgehen und eine Maßnahme gegen die Zersiedelung im ländlichen Raum setzen. Wir wollten urbanen Wohnbau schaffen. Dabei griffen wir einen Gedanken auf, der im Lauf der Zeit verlorenging: Das Grundstück liegt mitten im Ort und war ehemals, wie ganz Wulkaprodersdorf, mit einem typischen Streckhof – 100 Meter lang und zehn Meter breit – bebaut. Früher konnte jeder jederzeit durch alle diese privaten Streckhöfe durchgehen. Wir haben dieses verlorengegangene Wegerecht im Konzept der Wohnbebauung mit einer Verbindungsgasse zwischen Unterer Gartengasse und Unterer Hauptstraße wieder aufgenommen. Die Leute im Dorf schätzen diese neue Wegemöglichkeit und machen gerne davon Gebrauch. Neben dieser städtebaulichen Qualität war es uns ein Anliegen, im dicht besiedelten Ort individuellen Wohnraum zu schaffen. So hat jede Familie eine Parzelle von nur 20 mal sechs Metern.
Jedes der fünf Häuser hat mehrere Ebenen, jedes Zimmer einen Außenraum, ein Atrium als privaten Freiraum und das Auto im Haus.
Das führt uns wieder zum Einfamilienhausbau.
Fürtsch-Loos: Ja, beim Konzept in Wulkaprodersdorf kommt stark unsere Grundhaltung zum Wohnen zum Tragen. Uns geht es nicht um Quadratmeter, sondern um eine bestimmte Qualität. Das hat mit unserem Ansatz der Reduktion zu tun, über den wir anfänglich gesprochen haben. Jeder gebaute Quadratmeter sollte Sinn haben. Sinnlose Quadratmeter sind für uns überdimensionierte Stiegenhäuser und nutzlose Gangflächen. Beim „Hang im Haus“ in Bad Gleichenberg zum Beispiel ließ der Bauherr sich davon überzeugen, den Gang vollkommen wegzulassen. Nur so konnten wir bei einer Gesamtfläche von 130 Quadratmeter auf eine mittige Wohnfläche von 70 Quadratmeter kommen. An den Seiten siedelten wir die kompakten Nebenräume an.
Beim Bau von Einfamilienhäusern bieten Sie immer wieder unterschiedliche Leistungsphasen an, zum Beispiel betreuen Sie manche Häuser nur bis zur Einreichung. Wie kommt es zu diesen für Ihre Profession so ungewöhnlich zurückhaltenden Lösungen?
Fürtsch-Loos: Hier muss man zunächst festhalten, auch wenn das überzogen klingt, dass wir die Aufträge in diesem Bereich nicht durch Akquise, sondern durch Mundpropaganda bekommen. So können wir uns leichter wieder aus dem Prozess zurückziehen. Außerdem hat man bis zur Einreichung schon die wesentlichen Schritte des Konzepts, des prägenden Raumgefüges gesetzt. Dass das Haus im Detail anders aussehen wird, als wenn wir es bis zum Schluss betreut hätten, ist sowohl dem Bauherrn als auch uns bewusst.
Loos: Dazu kommt, dass der Bau eines Einfamilienhauses teilweise eine große finanzielle, aber auch mentale Belastung für die Bauherren darstellt. Das beginnt beim Kauf des Grundstücks. Da muss man zusehen, wie jeder auf seine Rechnung kommt. So ist es für uns in Ordnung, wenn ein Bauherr sich nur den Entwurf leisten kann, uns diesen finanziell abgilt, dann aber in anderer Form weiterbaut.
Fürtsch-Loos: Natürlich sehen wir diese Häuser nicht als „unsere“ Häuser an, die wir in Hochglanzmagazinen bewerben. Das ist uns letztendlich auch nicht wichtig. Wir konnten mit diesen Bauten aber wiederholt eine hohe Zufriedenheit der Bewohner erreichen.
Die Vermarktung in Hochglanzmagazinen ist Ihnen nicht wichtig?
Loos: Das ist tatsächlich nicht vorrangig für uns. Wichtiger sind uns Ereignisse wie das Folgende: In Reaktion auf den Architekturpreis für die Wohnbebauung in Wulkaprodersdorf nahm ein deutscher Soziologe, der sich mit Strukturproblemen in ländlichen Regionen beschäftigte, Kontakt mit uns auf. Wenn wir aufgrund solcher Anfragen einen inhaltlichen Beitrag zu notwendigen Neuorientierungen leisten könnten, das wäre interessant für uns. Beim interdisziplinären Architektur-Symposium im Rahmen der Architektur-Biennale 2008 haben wir beispielsweise die Möglichkeit ergriffen, solch einen Diskurs zu führen. Wir gönnten uns den Luxus, Überlegungen anzustellen, die keine unmittelbaren Ergebnisse liefern. Das war wichtig, denn weder im beruflichen Alltag noch im Rahmen des Studiums findet das Denken ohne zwingendes Ergebnis noch Platz. Es war ein Versuch, den Studenten dieses Erlebnis mitzugeben.
Fürtsch-Loos: Um nochmals auf unsere Haltung zu Hochglanzmagazinen zurückzukommen.
Es geht uns nicht primär um die Präsentation unserer Arbeit. Diese Einstellung lässt sich am besten mit unseren Ausstellungsgestaltungen erklären. Wiederholt hören wir das Lob, sehr zurückhaltend gearbeitet zu haben, oft müssen wir aber auch den Vorwurf einstecken, dass die Gestaltung so stringent sei. Diese ambivalenten Reaktionen haben durchaus ihre Berechtigung. Denn wir gestalten intensiv und mit großer Kraft, nehmen uns aber gleichzeitig zurück, um die Objekte in den Vordergrund treten zu lassen. Vielleicht kann man unsere Haltung am besten mit der prägnanten Aussage aus den 1980er-Jahren beschreiben: „Design ist unsichtbar.“




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