Her mit den Kindergärten
23.09.2009
Aufbauend!
von Elke Krasny
So weit, so begrüßenswert. So weit, so fortschrittlich. Das große Aber folgt auf dem Fuß. Einen Haken hatte die rapide Veränderungslogik. Wenn auf einmal hunderte Kinder mehr in ihren Kindergarten strömen dürfen, dann muss es diesen erst einmal geben. Ihren Kindergarten nämlich. Die Kindergartenoffensive ist somit nicht nur ein aufleuchtender Hoffnungsschimmer am Entlastungshorizont für Familien, in denen beide Elternteile arbeiten, oder am noch tiefer hängenden Dauerbelastungshorizont alleinerziehender Elternteile, nicht nur ein wichtiges Ingrediens für die Gemeinschaft lernende, frühkindliche Sozialisation, sondern auch ein starker Motor für die konjunkturschwachen Zeiten.
Bis zum Jahr 2010, so will es die Gesetzesnovelle, ist in Niederösterreich für alle Zweieinhalbjährigen ein Kinderplatz garantiert. Das bedeutet: 10.000 neue Kindergartenplätze. Das bedeutet: rund 65 neue Kindergärten. Das bedeutet: Um rund 530 Gruppen gilt es, die Kindergärten aufzustocken. Das bedeutet: Eine österreichweit einzigartige Finanzierungsoffensive wurde gestartet, sodass finanzschwache Gemeinden sogar die Möglichkeit haben, bis zu 72 Prozent an Förderungen des Landes für zusätzliche Gruppen zu erhalten. Das bedeutet: willkommen in paradiesischen Zuständen rundum glücklich Versorgter. So weit, so wunderbar. Doch leider: Weit gefehlt! Aufwachen ist angesagt! In der Realität Platz nehmen, bitte!
Eine schnelle Lösung
Ist man dann in der naheliegenden Wirklichkeit hart gelandet und sieht sich dort prüfend um, lässt sich Folgendes in Erfahrung bringen: Wiener Neudorf tut es. Baden tut es. Gießhübl tut es. Leopoldsdorf tut es. Obersiebenbrunn tut es. Kirchberg am Wagram tut es. Handersdorf am Kamp tut es. Viele andere mehr tun es auch. Die Rede ist von der schnellen Lösung. Die Rede ist von der kostengünstigen Lösung. Die Rede ist von der versprochenen Aufstellung binnen weniger Wochen.
Diese Gesetzesnovelle setzte ob ihrer unvermuteten Raschheit viele Gemeinden, und das ist selbstverständlich nachvollziehbar, unter Druck. Unter Raumdruck, um genau zu sein. Kindergarten-Beschaffung war von heute auf morgen angesagt. Und woher nehmen, wenn nicht … Räume fallen ja bekanntlich nicht vom Himmel. Sie werden hier auf Erden geplant und errichtet, so sollte man meinen. Und das braucht Zeit, so glaubt man. Das braucht Ideen, so ist man sich sicher. Das braucht Erfahrungen von Architekten, Kindergartenpädagogen, Freiraumplaneren, Eltern, so möchte man vermuten. Das verlangt Qualität. Das verlangt faire Ausschreibungen. Das verlangt Wettbewerb. Doch weit gefehlt, in vielen Fällen. Denn manchmal gehen die Dinge viel flotter, lassen sich auch in ein paar Wochen erledigen, so man entschlossen zur einfachsten aller Lösungen greift. Diese lautet: Bestelle einen Container.

Container als die Lösung des Problems?
So sorgt man nämlich umstandslos, wie man auf der Website nachlesen kann, „für die Lösung des Problems“ (www.logismarket.at/containex-container-handels/containex-kindergaerten). „Die Firma Containex sorgt in Niederösterreich mit mobilen Raumsystemen für rund 1.300 zusätzliche Kinderbetreuungsplätze. Die Raummodule – sechs Meter lang, 2,5 Meter breit und 2,8 Meter hoch – wurden flexibel eingesetzt und je nach Anforderungen und Anzahl der Kindergruppen miteinander kombiniert.“ Man sieht sich für die Zukunft bestens gerüstet, steht in den Startlöchern, sollte es in weiteren Bundesländern zu ähnlichen Gesetzesnovellen kommen, um dann sofort mobile Raummodule für Kinderbetreuungsplätze aufzustellen. Auch von A1-Container ist die Zeit zum aufgestellten Kindergarten nicht lang, binnen zwei Wochen machbar.
„Wir planen und realisieren diese nach den Richtlinien der NÖ Landesregierung bestehend aus Gruppenräumen, Bewegungsräumen und sanitären Anlagen nach Ihren individuellen Bedürfnissen.“ (www.a1container.at/) Wie man weiters erfahren kann, fördert „das Land Niederösterreich sowohl den Kauf wie auch die Anmietung von mobilen Kindergärten (‚Mobiki‘) bis zu 100 Prozent. A1 Container Austria hat für Sie die wichtigsten Unterlagen vom Land Niederöstererich zusammengestellt“ (http://a1leasing.com/Referenzen). Der Verweis auf die Richtlinien macht die Gemeinden in der schnellen Lösung sicher.
Kindergarten als Zukunftspotenzial
Containerfirmen sehen in kommunalen Einrichtungen Zukunftspotenzial: Kindergärten umgenutzt in Jugendzentren, sicher dann auch noch zum Seniorentreffpunkt. Also von der Wiege bis zur Bahre, die Container als soziale Aufbewahrungslogik. Genau bei solchen kommunalen Einrichtungen könnten Gemeinden unter Beweis stellen, dass ihnen die Architektur etwas wert ist. Nicht nur für Wein oder Tourismus, auch in der Bildung könnte Architektur zum Markenzeichen werden. Es geht schließlich um uns. Bauen ist Kultur. Darüber herrscht Konsens.
Doch wie weit der geht, ist die Frage. Was heißt es, durch Raum etwas über die eigene Kultur zu lernen? Natürlich handelt es sich dabei um eine philosophische Frage, aber auch um eine sinnlich-praktische. Schriebe man eine politische Philosophie der öffentlichen Räume, der Bildungsräume, der Verwaltungsräume, die eine Gesellschaft für sich als die passenden entwirft, dann würde diese darüber Aufschluss geben, wie eine Gesellschaft sich im Raum sieht, wie diese Gesellschaft verfasst ist. Die Räume, die sich eine Gesellschaft macht, sind die gebauten Manifestationen ihrer Vorstellungen, die zur Darstellung werden. Womit wir bei der Frage der Repräsentation sind. Die politische Philosophie, die Raum als Ideengeschichte begreift, muss sich mit realen und symbolischen Implikationen des Gebauten auseinandersetzen. Womit wir bei der Bedeutung sind. Was bedeuten die Räume, die sich eine Gesellschaft gibt? Wie sind sie als Zeichen, als gebaute, dreidimensionale Zeichen der Ideen zu erfahren, die eine Gesellschaft veröffentlicht.
In den Container geschickt
Raumgeschichte ist Ideengeschichte. Was bedeutet es, wenn eine Gesellschaft ihren Nachwuchs in den Container schickt? Ein Container ist von seiner lateinischen Wortwurzel her etwas, das etwas zusammenhält. Wir leben in einer Containerwelt. Das sagt nun nicht gerade wenig aus über uns. Vom Güterverkehr per Schiff bis zur Toilette, vom Asyl-Container bis zum Büro, vom Flüchtlings-Container bis zur Baustelle. Der Container ist der temporäre Zusammenhalt in Katastrophen und der Überbrückungsgehilfe im Falle von Renovierungsarbeiten.
Aber Kindergärten? Das lässt tief blicken und zeigt, wie wenig es mit der vielzitierten Kulturnation im Baukulturellen auf sich hat. 1958 in Brüssel, 1967 in Montréal punktete Österreich bei den offiziellen Weltausstellungsauftritten nicht nur mit gelungenen Pavillons, sondern auch mit eigens auf dem Expogelände errichteten Kindergärten als kulturellem Selbstdarstellungsbeweis und identitätsstiftenden Exportartikel ersten Ranges. Architektur von Karl Schwanzer und Montessori-Pädagogik von geschulten Erzieherinnen kamen bei diesen internationalen Kindergärten, die als Beitrag zur Völkerverständigung galten, zum Einsatz. Ein Container hätte es mit Sicherheit nicht getan.

Der Raum als dritter Erzieher.
In der Reggio-Pädagogik spricht man vom Raum als drittem Erzieher. Diese Räume sollen zwischen drinnen und draußen kommunizieren, zum Aktivwerden animieren, aber auch Rückzug und Geborgenheit bieten. Die Welt, die uns umgibt, im Kindesalter, aber auch später, ist die Welt der ästhetischen Eindrücke. Damit eine Gesellschaft die richtigen Räume als die dritten Erzieher entwirft, sollte sie zuerst so weit kommen, diese Räume als solche zu erkennen. Also, nicht ab in den Container, sondern auf in den Kindergarten. Raumerziehung beginnt früh. Die Erkundung der Welt ist eine räumliche Angelegenheit: hoch, tief, weit, nah. Es ist ergreifend, schon im frühesten Alter. Kindergartengenerationen dauern nicht lange. 3,5 Jahre, dann beginnt die Volksschule. Der dritte Erzieher muss sich sputen. Jede temporäre Lösung ist in diesem Alter auf jeden Fall zu lang.
Es geht auch anders
Dass es auch ganz anders sein kann, und in nächster Zukunft unbedingt auch anders sein sollte, denn es geht um den Nachwuchs, der lernt, was Raum und Gesellschaft ist, und es geht um den nicht unerheblichen Betrag von 250 Millionen Euro öffentlicher Gelder, das beweist ein Kindergarten in Rohrendorf in Niederösterreich. Diesem ging ein Wettbewerb voran. Gabu Heindl entschied diesen für sich und baute in nur fünf Monaten einen Kindergarten, der die Aufgabe des dritten Erziehers wahrlich ernst nimmt: durchgängig konsequente Beziehung zwischen innen und außen, differenziertes Raumgefühl, eine dynamische Fassade mit Erlebnisnischen und öffenbaren Zonen in Kinderhöhe.
Was der Raum leistet, ist, dass die Kinder einander erleben und sehen, sich zurückziehen und den Raum erobern können. Die neuen Räume, die an den Bestand anschließen, öffnen sich nach Osten, die bestehenden Bäume wurden gerettet, liefern natürliche Verschattung. Zeitgerecht vor dem Sommer, Ende Juni, fand in diesem Kindergarten, der der sozialen Verantwortung dieser Bauaufgabe par excellence gerecht wird, ein Symposion statt, das sich durch hitzige Debatten, aufgeregte Wortmeldungen und interdisziplinäre Produktivität auszeichnete. Im Rahmen des Programms von Orte Architekturnetzwerk Niederösterreich kuratierte Heindl dieses zweitägige Symposion, bei dem sich Architekten, politische Entscheidungsträger, Wissenschafter und Kindergartenpädagogen auf die Debatte einließen.
Historikerin Barbara Feller recherchierte für ihren Vortrag die Entwicklung der Kindergärten von den Arbeitsfleiß indoktrinierenden, Stillsitzen verlangenden Bewahranstalten und Strickschulen des 19. Jahrhunderts zur kindgerechten Einrichtung mit ausreichenden Bewegungsräumen im 20. Jahrhundert. Containerkonzepte kamen in diesem Vortrag nicht vor, architektonisch zukunftsweisende Konzepte sehr wohl. Auf diese sollte sich die Kindergartenoffensive besinnen und zur Tat schreiten, bevor es für viele Generationen von Kindergartenkindern zu spät ist. Also: Her mit den Kindergärten! Weg mit den Containern!

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