co2-neutral planen und bauen
10.12.2009
Paradigmenwechsel am Bau
von Tom Cervinka
Mit rund 40 Prozent am Gesamtenergieverbrauch der Europäischen Union zählt der Gebäudesektor zu den größten Verursachern von Treibhausgasemissionen. Investitionen in die Reduktion des Energieverbrauches und des Heizwärmebedarfs bieten das größte Einsparungspotential im Gebäudebereich. Beim energieeffizienten Bauen spielt Österreich seit langem eine Vorreiterrolle am internationalen Parkett. Im Rahmen der Förderung diktiert jedoch fast ausschließlich die Kilowattstunde, respektive der Heizwärmebedarf die Planung und Ausführung. Mit der Errichtung eines CO2-neutralen Musterhauses westlich von Wien will der dänische Dachflächenfenster-Spezialist Velux ein Exempel statuieren: Energieeffizient und CO2-neutral Planen und Bauen auf Basis einer nachhaltigen Ressourcennutzung.
Im Rahmen der Unternehmensinitiative ModelHome2020 übernimmt Velux eine aktive Rolle in der Entwicklung nachhaltiger Gebäude. Insgesamt sechs Gebäude in fünf europäischen Ländern sollen die Möglichkeiten des energieeffizienten und umweltverträglichen Bauens exemplarisch veranschaulichen. Jedes Gebäude basiert dabei auf einer ganzheitlichen Sicht nachhaltigen Bauens und vereinigt ein optimiertes Innenraumklima mit viel frischer Luft und Tageslicht, maximale Energieeffizienz mit umweltschonender Errichtung und umweltfreundlichem Betrieb durch CO2-neutrale Bauweise – bei gleichzeitig höchstem Wohnkomfort. „Für uns ist es wichtig, ein Gebäude zu errichten, das sowohl in der Errichtung als auch im Betrieb CO2-neutral wird und trotzdem ein für den Menschen gesundes und behagliches Wohnumfeld bietet“, erläutert Michael Walter, Geschäftsführer Velux Österreich.
Parallel mit der Klimakonferenz in Kopenhagen starten in Österreich die Bauarbeiten. Das so genannte Sunlighthouse ist nach einem Einfamilienhaus im dänischen Arhus und einem Bürogebäude am Campus der Universität Kopenhagen das dritte Objekt, das im Rahmen von ModelHome2020 in Realisierung geht.
Im Rahmen der Auftaktveranstaltung “Paradigmenwechsel am Bau: CO2-Emission wichtigster Indikator für Klimaschutz?” diskutierte eine hochkarätige Expertenrunde die unterschiedlichen Aspekte zum Gesamtkonzept und zur künftigen Rolle von CO2-Emissionen am Bau. „Neben der Reduktion des Heizwärmebedarfs war vor allem die CO2-Neutralität des Gebäudes eines der Hauptkriterien für den Wettbewerbsentwurf“, definiert Renate Hammer vom Department für Bauen und Umwelt der Donau-Universität Krems eingangs die Ziele des Sunlighthouse-Experiments. Damit zeigte sich aber gleichzeitig auch die Problematik in der Definition. Was bedeutet CO2-neutral? Im vorliegenden Fall wird neben dem Heizwärmebedarf auch die Raumwärme- und Warmwasser unterstützenden Energien sowie die gesamten Betriebsenergien und ebenso das Material des Gebäudes samt seiner Errichtung in die Energiebilanz eingerechnet. Die Holzbauweise mit unbehandelten Hölzern in Kombination mit einer Sole-Wasser-Pumpe zur Raumheizung und die Nutzung der thermischen Solarenergie in Form von Photovoltaik und Solarthermie ermöglichen dem Haus eine CO2-neutrale Energiebilanz nach spätestens 30 Jahren. In Reaktion auf die von Klimaexpertin Helga Kromp-Kolb prognostizierten massiven Auswirkungen des Klimawandels – der bestenfalls noch gebremst, jedoch nicht mehr aufgehalten werden kann – spricht Lang von einer längst notwendigen Trendumkehr und begrüßt die Initiative: „Wir brauchen eine Schubumkehr im Bezug auf unser bisheriges Handeln und vor allem im Umgang mit unseren Gebäuden. Jede Initiative in diese Richtung kann man nur begrüßen, wenngleich man bei einer noch besseren Ausführung auch beim Sunlighthouse sicher Passivhausstandard erreichen und einige Quadratmeter an Photovoltaik einsparen hätte können.“
Auch Martin Treberspurg ist überzeugt von der Sinnhaftigkeit der Initiative und wünscht sich mehr Unternehmen, die Eigeninitiative entwickeln und sich aus eigenem Antrieb dem ökologischen, umweltgerechten und energieeffizienten Bauen verschreiben. „Denn eines müssen wir uns bewusst machen: Wenngleich die Entwicklungen in der Planung und Bauausführung eindeutig in die richtige Richtung gehen, laufen sie derzeit dennoch viel zu langsam, um dem drohenden Klimakollaps entgegen zu wirken.“ Harsche Kritik übt Treberspurg hingegen an der Politik, welche die Chance Europas die Technologieführerschaft für das Planen und Bauen der Zukunft zu übernehmen nicht erkennt und gleichzeitig das Sicherheitsrisiko, das sich aus der Öl- und Gasabhängigkeit ergibt, negiert. Georg Pendl, Präsident der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten sieht in den heimischen Planern eine Schlüsselfunktion bei der Umsetzung der Klimaschutzziele und energieeffizienter Baumethoden: „Am Anfang eines jeden Projekts ist die Entscheidungsfreiheit am größten. Genauso wie die Tragweite dieser Entscheidung am weitest reichenden ist. Die energetische Optimierung beschränkt sich aber nicht nur auf das Gebäude. Es fängt schon bei der Raumplanung und beim Städtebau an. Der verdichtete Städtebau ist per se schon wesentlich energieeffizienter und ökologischer als die Einfamiliehaussiedlung am Stadtrand. Es geht auch darum ein öffentliches Bewusstsein zu schaffen. Das schönste Passivhaus nützt wenig, wenn in der Garage der Porsche Cayenne steht“, meint Pendl gewohnt provokant. In diesem Sinne plädiert auch Lone Feifer, ModelHome2020-Projektleiterin, für eine gesamtheitliche Betrachtung von der Raumplanung über den Städtebau bis hin zur Architektur. Und auch am konkreten Projekt geht es um mehr als nur die Einhaltung von Kennwerten, die alleine für sich wenig über die Benutzerfreundlichkeit oder Wohnqualität auszusagen vermögen. „Die Architektur trägt eine große Verantwortung. Immerhin kommen rund 40 Prozent der Treibhausgasemissionen aus dem Gebäudebereich. Damit haben wir aber auch 40 Prozent der Lösung des Problems in der Hand“, gibt Lone Feifer der Diskussion einen positiven Abschluss.
Bereits im Frühjahr 2010 sollen die Rohbauarbeiten für das Sunlighthouse abgeschlossen sein. Spätestens dann wird Architektur & Bau Forum einen ersten Rundgang über die Baustelle wagen und Sie über den Projektstand informieren.

Im Rahmen des Projekts ModelHome2020 errichtet die Velux Gruppe sechs Gebäude in fünf Ländern Europas. Das österreichische Sunlighthouse wird in Pressbaum, nahe der westlichen Stadtgrenze von Wien entstehen und soll beispielhaft die Möglichkeiten des energiesparenden und CO2-neutralen Bauens demonstrieren. Das Sunlighthouse wird gemäß seiner Konzeptionierung in den kommenden 30 Jahren so viel Energie mittels Photovoltaik und Solarthermie erzeugen, wie es bis zu diesem Zeitpunkt durch seine Errichtung und seinen Betrieb an CO2-Emissionen verursacht hat.
PROJEKTDATEN
Bauherr: Velux Österreich GmbH, 2120 Wolkersdorf
Architekten: Hein-Troy Architekten, Bregenz-Wien
Wissenschaftliche Department für Bauen und UmweltProjektbegleitung: Donau-Universität Krems, 3500 Krems
IBO Institut für Baubiologie und -ökologie GmbH, 1090 Wien
Energiebilanz:
Gesamtenergiebedarf 53,9 kWh/m2/a (gesamt: 14.639 kWh/a)
Gesamtenergieproduktion 68,4 kWh/m2/a (gesamt: 18.465 kWh/a)
Nettoenergieproduktion 14,5 kWh/m2/a (gesamt: 3.926 kWh/a)

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